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Andreas Buro wird 80 Jahre alt.

„Ich sehe deshalb keinen Grund, den Kampf um das Gemeinsame und Gesellschaftliche aufzugeben und nur noch nach individuellen Nischen zu suchen. Auch ohne die großen Zukunftsvisionen, die sich zumeist als trügerisch erwiesen, können wir uns auf den Weg machen, um für eine solidarische Welt zu arbeiten. Wir können von vielen Ansatzpunkten ausgehen und doch das Ganze im Auge behalten.“

Das schrieb Andreas Buro vor gut einem Jahrzehnt in seinem Buch „Totgesagte leben länger“, in dem er die „Neue Weltordnung“ nach dem Ende der Ost-West-Blockkonfrontation analysierte und daraus neue Optionen und Aufgaben für die Friedensbewegung ableitete (Andreas Buro: Totgesagte leben länger – Die Friedensbewegung. Idstein 1997, S. 204).

Und tatsächlich hat er diesen Kampf auch im folgenden Jahrzehnt und bis heute nicht aufgegeben, hat vielmehr den Weg unbeirrt weiter verfolgt und schreitet auf ihm – nunmehr achtzigjährig – weiterhin rüstig aus. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt gegenwärtig auf der Untersuchung, Entwicklung und Verbreitung von zivilen Strategien zur Prävention und Deeskalation von Konflikten.

Vor mir liegen Texte von Andreas aus den letzten Monaten mit Titeln wie „Vorschlag für eine Zivile Strategie für Frieden, Sicherheit und Entwicklung in Afghanistan" oder „Überlegungen zur Implementierung nicht-militärischer Konfliktlösungen – Die Rolle der Zivilgesellschaften in Konflikten", ferner Dossiers zum Iran-Konflikt, zum türkisch-kurdischen und zum Israel-Palästina-Konflikt aus der Reihe des „Monitoring-Projektes" der Kooperation für den Frieden. Dieses Monitoring-Projekt unter dem Titel „Zivile Konfliktbearbeitung – Gewalt- und Kriegsprävention" wurde von Andreas vorletztes Jahr angestoßen und wird maßgeblich von ihm getragen; zur Zeit arbeitet er für das Monitoring-Projekt an einem Dossier zum Afghanistan-Konflikt.

Mit diesem Arbeitsschwerpunkt bleibt Andreas seiner seit Jahrzehnten in Friedensforschung und Friedensbewegung verfolgten Linie treu, die Analyse und Kritik der herrschenden gewalt-, kriegs- und militärgesättigten Zustände mit dem Aufzeigen von gewaltfreien zivilen Alternativen zu verbinden. Das rührt aus seiner Überzeugung, dass man die Menschen für die Sache des Friedens und des Pazifismus nur gewinnen kann, wenn glaubwürdig und nachvollziehbar dargelegt wird, wie denn ohne Rückgriff auf Waffen und Militär die vielfältigen Konflikte unserer Zeit bearbeitet und einer Lösung zugeführt werden können. Seine Stärke liegt dabei in der Fähigkeit, die analytische und die konzeptionelle Dimension zu verknüpfen. Larmoyantes (oder zynisches) Verharren beim Beklagen der schlechten Realität liegt ihm ebensowenig wie das Aufstellen von Wunschkatalogen für eine schöne heile Welt ohne Krieg und Militär. Ihn reizt die Aufgabe, Vorschläge zu entwickeln für den Weg von hier nach dort. Er ist ein kluger Stratege und Taktiker, der – „das Ganze im Auge behaltend" – sich auf die Notwendigkeit einstellt, den Weg nur Schritt für Schritt gehen zu können.

Wichtig ist es, die Vielen auf dem Weg mitzunehmen – die geduldige Organisierung sozialer, emanzipativer Lernprozesse ist daher ein weiteres durchgehendes Thema im politischen und akademischen Leben von Andreas Buro. Letzteres konzentrierte sich auf die Universität Frankfurt, wo er seit Anfang der 70er Jahre wirkte – als Lehrbeauftragter, Privatdozent und Professor, mit Schwerpunkten bei Internationalen Beziehungen, Entwicklungspolitik, europäischer Integration, Friedensforschung und sozialen Bewegungen. Andreas hat in den letzten Jahrzehnten so viele Aufs und Abs der sozialen Bewegungen miterlebt, dass ihm Euphorie und Resignation gleichermaßen fern liegen. Vielmehr folgt er dem Gramsci'schen Diktum vom Pessismismus des Wissens und dem Optimismus des Handelns.

Das hat ihn seit seinem Engagement in der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und in der Kampagne „Kampf dem Atomtod" in den 50er Jahren bis heute voran getrieben. Ostermarschbewegung, außerparlamentarische Opposition gegen Notstandsgesetze und Vietnamkrieg, Kampagne für Demokratie und Abrüstung, Mitgründung des Sozialistischen Büros und der Zeitschrift „links" waren weitere Stationen auf dem Weg. 1980 dann gehörte er zu den Gründern des Komitees für Grundrechte und Demokratie, das er seit nunmehr 28 Jahren mitprägt, viele Jahre als Sprecher und im Geschäftsführenden Vorstand, gegenwärtig als friedenspolitischer Sprecher.

In den 1980er Jahren vertrat er das Komitee in der „neuen" Friedensbewegung, die seinerzeit eine große Massenbewegung war, die Hunderttausende zu Demonstrationen auf die Straße brachte. Er war eine der Schlüsselfiguren jener Bewegung, auch damals darauf bedacht, den Protest und Widerstand gegen die nukleare „Nach"rüstung zu verbinden mit dem Aufzeigen von Alternativen. Der grenz- und blockübergreifende Charakter dieser Bewegung lag ihm besonders am Herzen.

Die internationale Zusammenarbeit war stets ein Schwerpunkt seiner Aktivitäten, beginnend mit seinem Engagement bei der Organisierung des Friedensmarsches San Francisco – Moskau 1961 und der Mitbegründung der „International Confederation for Disarmament and Peace" und der World Peace Brigades, über die Mitgründung der „Helsinki Citizens Assembly" bis zur Gründung des Dialog-Kreises für türkisch-kurdische Verständigung und für eine politische Lösung des Kurdenkonflikts im Jahre 1995. Auch heute noch ist Andreas der Mittelpunkt des Dialog-Kreises und Herausgeber seiner „Nützlichen Nachrichten". Sein internationalistisches Engagement hat ihn im Lauf der Jahrzehnte in aller Herren Länder geführt; Moskau, Washington, Peking, Istanbul, Tiflis, Paris, Beirut usw. usf. sind wiederkehrende Stationen seiner politischen Reisetätigkeit. Von den Herrschenden wurde er zumeist nicht besonders freundlich empfangen, dafür aber erfuhr er von den menschenrechtlich und friedenspolitisch aktiven Bürgerinnen und Bürgern dieser Länder wegen seiner (kritischen) Solidarität und ruhig-bescheidenen Art, zuzuhören und Vorschläge zu machen, desto mehr Respekt, Sympathie und Zuneigung.

In dem von ihm herausgegebenen Buch „Geschichten aus der Friedensbewegung" (Köln 2005) kann man darüber Nachdenkliches, Kurioses, Empörendes und Mutmachendes lesen. Ein wenig verwundert diese Weltläufigkeit schon, wenn man Andreas in seiner vertrauten dörflichen Welt in Hundstadt im „Hinter"taunus durch Feld und Forsten schweifen sieht, Pilze suchend zumal. Der ehemalige Waldarbeiter und Doktor der Forstwirtschaft (Promotion 1954 mit einer Arbeit zu „Untersuchungen über den Abbau von Kiefern- und Buchenholz durch Holz zerstörende Pilze und dessen Beeinflussung durch Hitzebehandlungen und Kunstharztränkungen des Holzes" – klingt ziemlich interessant) macht einen doch recht Wald-und-Wiesen-verbundenen Eindruck. Tatsächlich ist Andreas auch in seinem unmittelbaren Nahbereich in sozialer Bewegung aktiv, für die Belange von Asylbewerbern und Flüchtlingen zum Beispiel – und selbstverständlich für den Frieden („Friedensnetz Usinger Land/Hintertaunus"). Bodenständigkeit und Kosmopolitismus gehen bei Andreas gut zusammen.

Entscheidend ist für ihn, dass man sich – ob nah, ob fern – gemeinsam auf den Weg macht. Sein Beitrag zu Frieden und Abrüstung wird übrigens in Kürze mit der Verleihung des Aachener Friedenspreises gewürdigt werden. Abschließend sei nochmals Andreas zitiert: „Sicher ist der Weg zu einer solidarischen Weltgesellschaft ein unendlicher Weg. Wir werden niemals das Ziel ganz erreichen. Deshalb wird zu Recht gesagt, der Weg sei das Ziel, will sagen: Auf dem Weg erreichen wir nur Teilziel um Teil-ziel. Natürlich verirren wir uns auch, aber wir haben Chancen, zurückzufinden und dann den Weg wiederaufzunehmen. Wäre es nicht ein großartiges und bedeutendes Etappenziel, militärische Gewalt aus dem Arsenal menschlich-unmenschlicher Instrumente auszuklammern? (…) (Es kann) der Weg, über den wir hier sprechen, ein sehr erfülltes, ereignisreiches und sinnvolles Leben bedeuten." (Andreas Buro: Totgesagte leben länger – Die Friedensbewegung. Idstein 1997, S. 204f.) Noch mehr zu erfahren über dieses sehr erfüllte, ereignisreiche und sinnvolle Leben wäre für die Nachgeborenen äußerst hilf- und lehrreich – „will sagen": Was Friedensforschung und Friedensbewegung dringendst brauchen, ist eine politische Autobiographie aus der Feder des Andreas Buro.

Volker Böge