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Von den unvermeidlichen Schwierigkeiten, Anfang des 21. Jahrhunderts, dazuhin in Deutschland, von Menschenrechten zu reden und Brosamen in ihrem Umkreis einzusammeln

Wolf-Dieter Narr (Vortrag am 17.3.2007 anlässlich einer Tagung des Komitee für Grundrechte und Demokratie in Berlin, des 13.3.1937 und seiner 70sten Repräsentation halber) Erste Schwierigkeit. Chancenlos. Grenzenlos nur in den überall vorfindlichen, nicht zu überspringenden Grenzen. Alles ist verstellt. Wohin der Blick fällt. Wohin eine geht und einer weitergehen will. Alles ist verstellt. Nahezu versteht sich. Nie total. Nie absolut. Selbst im Negativen neigen wir Wesen mit unbekanntem Verfallsdatum dazu, zu übertreiben. Gänseblümchen nisten in Felslöchern, sammeln ein wenig Erde an, die sie ihrerseits als Gänseblümchenkrebse wachsen ließ. Allseitiger Dreck und Schlamm zeigt grüne Spuren. Felsen und Schlamm aber herrschen vor. Sie sind die Normalität. Darum gehören zur ersten, nur immer neu zu erwerbenden Eigenschaft menschenrechtlicher Orientierung die Kunst und Anstrengung des „Negativismus“.

Das Menetekel blasst an der Wand: Sieh dir die Engagierten an, wenn erst ihr menschenrechtliches Bekennen begann, wie bald sie lügen. Dem herrschenden Positivismus zu entgehen, dem Herrschaftsschleim des „goodspeak", dürfen menschenrechtlich Möglichkeitsgesinnte nicht im Süßwasser tauchen. Sonst handelten sie deren Menschengeltung um den Preis beifälligen Geredes ein. Vielleicht auch mancher Ehren. Heinemanns Osterrede nach dem Attentat auf Rudi Dutschke gilt immer. Dass drei Finger derselben Hand auf denjenigen selber zurückweisen, dessen Zeigefinger sich auf andere moralknöchern streckt. Fällt aber so nicht relativiert, vielmehr radikalisiert, uns alle immer mittendrin, unser selbst- und andersgerichtetes Auge auf die Gesellschaft, ihre Politik, ihren Landstreifen, genannt BRD, dann droht es, sich in den argen Herrschafts- und menschenrechtlichen Verfehlungstrümmern hoffnungslos zu verlieren. Arbeit. Nicht genug, dass in der trotz allem nach wie vor bestehenden „Arbeitsgesellschaft" Arbeit als divers qualifizierte Maloche herrschaftsgegeben - unbeschadet lachhafter, kooptativ gerichteter „Mitbestimmung" - die meisten Gesellschaftsglieder notorisch entmündigt und nicht zu sich kommen lässt. Wie sollte da Demokratie möglich sein, also Selbst- und Mitbestimmung?! Vielmehr werden Arbeit und Arbeitslosigkeit so gemischt - gegenwärtig trickreicher als kapitalistisch je -, dass die Psychophysik verelendender Arbeitslosigkeit mitten in der halb gehabten, halb entzogenen Arbeit gähnt. Dass entfremdende, repressiv sanktionierte Arbeit die Arbeitslosen umtreibt und auffrisst. Über das, was „Arbeit" menschenrechtswidrig nach jedem Verständnis in dieser Gesellschaft bedeutet, geben zuerst die Hartz-IV-Geschlagenen Auskunft. Und die, die sich wenig darüber und wenig darunter befinden. Was systematisch mit positiven und negativen Sanktionen verknäulte Arbeit bedeutet, lässt sich jedoch gerade unter den positionell Privilegierten erkennen. Die Universitäten künden in ihrer intellektuellen Verdinglichung exzellenzzentrig davon. Ihr mieser, als intellektueller Hochleistungssport hybrid aufgegebener Karrierismus zerstört eigenen Verstand und ihm unterliegendes Selbstbewusstsein. Schaffenden Spiegeln gleich. Geradezu abbildhaft. Kinder, Junge, Erwachsene wirklichkeits- und urteilsfähig zu bilden – die Art und das Ausmaß, wie das geschieht, kennzeichnet Gesellschaften. Diese Notwendigkeiten des immer wundersam werdenden und/oder verfehlt verstockten Entwicklungswesens „Mensch" drängen in einer global vermittelten und auch noch mit demokratisch menschenrechtlichem Anspruch versehenen Gesellschaft mehr denn je. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Die Einübung beliebiger Verfügbarkeiten sind Trumpf, genannt Flexiblität, Mobilität und Leistungsbereitschaft: Menschen mit keinen anderen als ökonomisch fungiblen Eigenschaften werden systemisch auf Konkurrenz getrimmt, mit „Killerinstinkt", die Ungleichheit, elitäres Bewusstsein „leistungsnatürlich" und einen großen Rest der abgestuften Versager erzeugt. Ein x-beliebiger „Leistungssportdirektor" gab jüngst fürs „Wissensmanagment" die gesamtgesellschaftlich gültige Devise aus: „Wir tun alles, um 2008 und 2012" erfolgreicher zu sein." „Wir", „Deutschland", „alles"! Um ein „effektives Zusammenspiel" der funktional zugespitzten Apparate zu erreichen. Der deutsche Leopard schafft seine eigenen Lampedusas. Uneuropäisch die Italiener allein beim Lager und Versäufungsgeschäft zu lassen. Lager mit einseitig geöffneter Abschiebungsbüchse über die BRD gestreut, Lager anderwärts in Libyen oder der Ukraine für uns mit unserer Unterstützung eingerichtet – wie anders sollte gewährleistet werden, dass in der vorklimakatastrophisch immer vor Überschwemmungen von Außenmenschen bedrohten BRD Frieden und Freiheit in der „Gemeinschaft der Demokraten" bewahrt werden können. Diejenigen, die „wir" brauchen, werden wir entsprechend „integrieren". Das ist keine Drohung. Das ist rechtstaatsgemäßes „Fördern und Fordern." Ansonsten müssen diejenigen, die grundrechtsgemäß ohnehin nicht einreisen dürfen, „freiwillig" von dannen gemacht werden. Durch Zaubertrick. So wie durch Zaubertrick Art. 16 a GG, das faktische Ende des Grundrechts auf Asylrecht, verfassungsrichterlich abgesegnet, weiterhin als schon sprachlich enteignete Grund- und Menschenrechtfratze gilt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar" – Da kichern die Hühner auf ihre gackernde Weise. Wären wir alle noch bei Trost jeder Fall der Abschiebung, zuvor die deutsch-europäische Grenzvorverlagerung und der Ausbau der Grenzen mitten im weltweiten Wohlstandskrieg – all diese „Normalitäten" heute müssten uns schier verrückt machen. Wenigstens substantiell können wir in dieser penetrant normalen, darum menschenrechtsperversen Republik nur zu Displaced Persons werden.

Schaut auf das Land, wo die Tornados hindukuschwärts für unsere Sicherheit fliegen ...

Ich halte ein, sonst komme ich mit meiner Jeremiade nicht ans Ende. Deutschland, wieder vereinigt, ist endlich erneut weltweit präsent. „Humanitäre Intervention" nennt sich dies im wissenschaftlich nachgeäfften Goodspeak. Felsbrocken und Schlamm. Ab und an ein kriechendes Gänseblümchen. Aller eitlen, weil österlich spazierengehenden Hofferei sollte der Trost ausgehen. Das jedenfalls sind die BRD und ihre Leute. Wir! Wie eine zweite, eine anders erneuerte, selbstredend individuell nicht zurechenbare Schuld. – Aber warum eigentlich nicht?! Die Martin Walsers, die endlich stinknormal sein wollen – und das wird man doch noch wollen dürfen, oder ?! - , als bundesdeutscher Querschnitt. Meine Generation der „Nachgeborenen", wieder(!)aufbau- und etablierungskräftig, ist weit viel zu kurz gesprungen. Wir waren, wir sind weniger mit unseren Vätern und Müttern wohl aber mit uns selbst zu „nachsichtig", zu wenig praktisch radikal, zu punktuell selbst-kritisch verfahren. Der hosenmatzige „Marsch durch die Institutionen" – dass ich nicht lache. Wenn einer 70 geworden ist wie ich, bis zum 8. Lebensjahr „Wehrbauer im Schwarzerdegebiet" werden wollte, von der „Napola" träumte, Hirn und Muskel, also muskulöses Hirn für Deutschland, wenn ein solcher sich als spät pubertierender, aber eben auch scharfsinnig werdender Schüler mit seinem im Sicherheitsdienst der Nazis, in deren „Verfassungsschutz" im Range eines „Sturmbannführers" bis April 1945 tätigen Vater zuerst wie ein weißwestiger Staatsanwalt besserwissend und moralbesser auseinandersetzte und dadurch selbstbewusst wurde, dann liegt unter günstigen Umständen die Folge nahe: hic Rhodos, hic salta. Die BRD und wir in ihr, versteht sich, ist dann daran zu messen, was sie als Rechtsnachfolgerin nicht nur, nicht einmal primär aus diesen durchaus säglichen 12 Jahren gelernt habe. Günstig waren die mir gegebenen Umstände, weil der hochsensible Vater - unbeschadet aller Drückebergerei und Rationalisierungstechnik im Vorbewussten - bis in die Nächte hinein redete. Länger als der früh schlafkauzige Sohn wollte. Und jeden Abend danach die Treppe in der nicht geschlossenen Wohnung zum Bubenzimmer hochstieg, um mit dem schlafsatten Sohn für die Nacht Frieden zu schließen. Günstig waren die Umstände auch, das gilt für fast alle der in den dreißiger und frühen vierziger Jahren Geborenen, weil mitten im bedrückend miefig antikommunistischen CDU-Staat wessiländig jedes Jahr unsere Chancen wuchsen. Wir konnten uns schier ungebückt und ungebeugt beruflich und anderweitig bewegen. Als Sozialwissenschaftler, randständig wie üblich, kann ich sehr wohl erklären, warum „beschweigend" die „Unfähigkeit zu trauern", nein, ungleich wichtiger, die Unfähigkeit, radikale Konsequenzen kollektiv wie individuell und vor allem institutionell und habituell zu ziehen, die frühe, die mittlere und vollends die wieder hauptstädtisch expansive BRD kennzeichnen. Warum andere, freilich immer zarte Chancen von früh an nicht ergriffen worden sind. Diese „realsoziologische", diese „realpolitische" Einsicht darf jedoch die menschenrechtliche Radikalität nicht dämpfen, nicht stutzen. Es sei denn, das, was man unter Menschenrechten verstehe, sei nichts als eines der üblichen Schockoladenguss-Täuschungsmanöver. Ansonsten fordern uns - jede Frau, die der „Effizienz" halber im Pflegeheim künstlich ernährt wird, an Pflegekräften fehlt´s rundum, - jeder Mann, der vorzeitig seinen Verstand verliert, weil er ins asoziale Loch fällt, - jeder von der NPD gekaperte junge Mann, der anders kein Zehrgeld seines Selbstbewusstseins erringen kann, und sei dies Geld noch so gefälscht, - jeder Flüchtling, der die BRD verschlossen findet oder wie jene Frau aus dem Libanon in Bramsche mit dem 3. Kind im Bauch schier verrückt wird ... Das ist und bleibt die Katastrophe, die bundesdeutsche nicht allein, aber für uns an erster Stelle, dass alles innovativ betörend und verwirrend so weitergeht. Und sich allenfalls verschlimmbösert oder besserverschlimmt.

Das zweite Schwierigkeitsbündel.

Globale Wirklichkeit, globale Abstraktion, konkret abhängiges Unverständnis. Dass es keine Nischen, keine Auswege, keine ‚neuen' Ausweich- und Gestaltungsräume gibt, das ist das Verhängnis und die unwahrscheinliche Chance dieser globalisierten Zeit. Das, was man Moderne nennt, war europäisch-angelsächsisch von der wirksamen Faszination bestimmt, neue Räume einzunehmen. Und ist es noch. Die expansive, U-topie weltweit topisch machende Schreckensgeschichte westlich eigensinniger, eigennützlicher Rationalität. Stalinismus und am schlimmsten Nationalsozialismus sind nur extreme Ausbuchtungen davon. Kein Zivilisationsbruch, Brüche in der Zivilisation! „Going West" nach der US-amerikanischen Devise. Diese Faszinationen der Expansion gelten im kapitaltrunkenen Wachstums- und Innovationsfetisch heute mehr denn je. Sie haben sich qualitativ verändert. Ihre Richtung weist nach innen. In die Metropolen und ihre BürgerInnen selbst. Mitten in den Entstehungszeiten europäisch-angelsächsischer Menschenrechte zeitigten die kriegsuntermalten, raum- und andere Völker greifenden, Westvernunft als Weltvernunft legitimierten Aggressionen einen massiven, allerdings kaum bedachten „Kollateralschaden": ganze Völker und Kulturen wurden wie nebenbei auf verschiedene Art ‚ausgetilgt' (diese Morde, Austilgungen und einseitigen Akzente stecken, wohlgemerkt, im westlichen Begriff der Menschenrechte). Sunt lacrimae rerum, das sind die Tränen der Dinge bis heute, von denen schon Äneas wusste. Nach der letzten Windung, wie sie seit Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in wachsenden Ringen gedreht wird, ist der Globus dicht geworden. Die Entwurzelungen, die Fluchten nehmen zu. Indes: es gibt keine Fluchträume. Asyl, die uralte Einrichtung unter den Menschen, droht mehr als zuvor zur Illusion zu werden. Wie ein „romantisches" Überbleibsel. Wo sind wir „zuhause" oder können es sein? Wohin gehen wir? Immer in kapitalistisch in- und exkludierende Räume. Exklusionen sind in den Indlusionen eingebaut. Die bleibende Qualität der demokratisch menschenrechtlich durchgehend kostenreichen Nationalstaaten besteht vor allem darin, grenzhundegleich überall bissig die Zähne zu fletschen. Damit das eigene, global geklaute Fleisch in den eigenen Töpfen gekocht und gebraten werden könne. Die Fleischtöpfe Ägyptens überall. Zugleich dominiert die dissoziierende Logik der Abstraktion. Allein schon die Zahlen der Menschen, die raumnah und raumdisparat organisiert werden, die Zahlen der Ereignisse und täglichen Unfälle, die füllige Wirrnis der Nachrichten, lähmen die Phantasie und blockieren Gefühle über seifenoperettenhafte Sentimentalitäten hinaus. Die kognitive Ohnmacht aber, in der Einheit von Verstand, Gefühl und Vorstellungskraft, in der wir als Personen oder kleine Gruppen verschwinden, wird in der überall eingetrichterten und erwarteten Konkurrenz konkretisiert: als angewandte Abstraktion. Wie könnte Wirklichkeit, die die unsere ist, noch verstanden werden – die erste Bedingung allen menschenrechtlichen Sinns? Ich bin und erkenne mich wie und was ich in den mich bestimmenden Kontexten bin. Erkenntnis geschieht stattdessen reduktionistisch. Sie gleicht sich schier unvermeidlich dem kapitalistischen Reduktionismus an. Besonderheiten zählen nicht. Es sei denn, sie „rechneten" sich. Dort, wo allemal besondere Menschen zählen, so die menschenrechtliche Basisannahme, können wir fast nur wie meist selbst ernannte Mitglieder von verräterisch so genannten Härtefallkommissionen agieren: punktuell, ins herrschende Spinnennetz verstrickt. Als käme es nicht darauf an, Verhältnisse zu schaffen und zu leben, in denen „Härtefälle" rar und nicht selbstverschuldet sind. Hier in der xeno- und sozial-phoben BRD. In ihr wird wie anderwärts, konkurrenztoll erzwungen gehandelt nach dem Motto. „Fürchte den Nächsten wie dich selbst!" Die Machtkonglomererate, die Wirklichkeit im global kapitalistischen Konstruktivismus bestimmen, wirken von abstrakt oben nach schein-konkret unten in Form einer organisationenreichen, labyrinthisch unwegsamen Unverantwortlichkeit. Ariade und Minotaurus spulen einzig herrschende Reichtums- und reiche Herrschaftsfäden daraus hervor. Den mitmächtigen Institutionen und ihren Repräsentanten kann nichts verantwortlich zugerechnet werden. Sie sind privilegierte Teile des Weltmarktstroms. Von ihm profitieren sie. Sie beherrschen ihn aber nicht, sie können ihn nicht einmal bändigen. Midaslein – Opfer ihres eigenen Geld- und Ungleichssucht. Das aber bedeutet: Leiden am globalen Kapitalismus und seinen regionalen Effekten können nicht zugeordnet werden. Die Leidenden können nicht mobilisiert werden. Über manche Emeuten hinaus. Die Bedingungen sind verschwunden, die vor ca 200 Jahren ungleichzeitig Arbeiterbewegungen in Gang setzten ( angefangen von der noch halbfeudalen „moral economy" und den seinerzeitigen Lebens- und Wohnverhältnissen, so elend sie waren). Darum müssten die sozial geschaffenen Nischen und Prozeduren der Sozialisation dringlicher denn je die tägliche Gymnastik der Einbildungskraft betreiben. Sozialisation als negative Vergesellschaftung steht dem entgegen: im Zeichen wachsender A-Sozialtät mit den a-sozial sozialisierenden, längst versachlichten Hauptagenten ungleicher Konkurrenz und konkurrierender Ungleichheit. So kommt es nicht von ungefähr, dass ein „toller Mensch" heute von Kneipe zu Kneipe unbesoffen besoffen taumeln müsste, um die Nachricht herauszukeuchen: die Menschenrechte sind tot. Sprich: die sozialen Bedingungen sind bis auf verschwindende Restbestände nicht gegeben, die die von ihnen gemeinten Eigenschaften und Fähigkeiten erwerben, ausüben, verteidigen und ausdehnen ließen. Im Zeichen dessen, was man die Perversion kapitalistischer Entwicklung nach innen nennen kann, da weitere Außengrenzen auf absehbare Zeit nicht expansiv zu überschreiten sind, werden sozial notwendige Bedingungen der Menschenrechte resterledigt. Sie werden nicht neu geschaffen. Ein Lob der Vergangenheit ist fast nie am Platze. Die weltweit gedrehten Schwungräder der Innovation sind durchgehend darauf gerichtet, soziale Institutionen und Verhaltensweisen zu ersetzen und allenfalls sekundär technologisch zu erzwingen. Die aktuelle Klimadiskussion ist dafür symptomatisch. Neue Technologien und Energien sollen helfen, weil die kapitalistische Dynamik und unser längst von ihr bestimmtes Verhalten naturwüchsig geworden sind. Das aber heißt: der globale Kapitalismus in all seinen vielfältigen regionalen Formen mit seinen gewaltvollen staatlichen Schildknappen soll in seinem unersättlichen Wachstumsfrass nur gemäß seiner exkludierenden Ungleichheits- und Macht-Logik verändert erhalten werden. Ihm unterliegen alle Kulturen und Eigenarten, die nur substantiell und formell kooptiert erhalten werden. Demgemäss rutschen der ohnehin meist flache und bestenfalls pointilistische Begriff der Menschenrechte und ihre magere Praxis soweit weg, dass sie mit dem introvertierten Kapitalismus vereinbart werden können.

Die dritte Schwierigkeit ist mit den anderen wie zuvor verschachtelt.

Die Unübersichtlichkeit gilt also für die darum fast vergebliche Ortsbestimmung der Menschenrechte selber. Wie sollten sie Wegzeichen sein, ohnehin meist bestenfalls aufgesetzte Zeichen auf anders geartetem Untergrund?! Normalität, A-Normalität lautet der Name dieser Schwierigkeit, die sich selbst in der Paradoxie aufhebt. Zu Zeiten des Barock formulierte man die uralte Einsicht in die verschwindende Befindlichkeit des Menschen - in Erinnerung an die Pestzeit und aktuell das Elends- und Blutgetümmel des 30igjährigen Kriegs: „Mitten wir im Leben sind, sind wir vom Tod umfangen". Heute gilt: „Mitten wir im Leben sind, sind wir in ihm kapitalistisch bis in die letzte Körper-, Seelen- und Voraussichtfaser durchdrungen." Tod und Sterben sind dem technologisch-illusionären Scheine nach entgrenzt, innovatorisch an den Rand, aus dem sozialen Zusammenhang genommen und atomisiert enteignet worden. Antigone ist verschwunden. Sind Normalität und Anormalität, auch Ausnahmezustand und Norm mehr als eine Gleitfläche mit willkürlichen Aufenthalt? Dass also anything goes, die allein fundierbare unfundierte Devise wäre? Im Blick zurück könnten und sollten wir lernen. Nicht wie Loths Weib rückwärtsgewandt, erstarrt erstarrend. Von den Erfahrungen im Helldunkel vorwärts getrieben, auch vom mos majorum, den überkommenen Sitten und Gebräuchen, also Erfahrungen unserer weltweiten Vorfahren mit Geländer versehen. Wie aber sollte schon individuell schwierig und vollends kollektiv gelernt werden, wenn die in ihren Institutionen immer ‚objektiv' gerinnende Gesellschaft so abstrakt geworden ist, dass subjektive Dispositionen fast vernachlässigt werden können? Wenn dazuhin noch das, was innovationsströmig verändert wird, die von niemandem durchschaute „Architektur der Komplexität" in dieser Komplexität nur noch technologisch erfassbar gesteigert wird. Man denke nur ans altertümlich genannte Finanzkapital. Seit Menschengedenken, seit wir also genauer um menschliche Gesellungen wissen - naturdurchdrungen und naturabgerungen -, seitdem wird das ‚Land' gesellschaftlicher Normalität durch Formen des Ausschließens anderer ‚eingedämmt'. Soziale und in sie gleichursprünglich verwobene politische Schließungen sind menschentümlich unvermeidlich – nach all dem, was wir wissen. Darum ist das naiv beliebte Reden von „Weltgesellschaft" töricht. Früh aber überkreuzten sich nach außen gepflogene, föderal gestaltbare und innengerichtete Schließungen (in Richtung föderale Lösungen siehe historisch den Bund der Irokesen im 17. Jahrhundert und zuvor; in intellektueller Phantasie siehe Kants „födus pacificum"). Dafür gibt die Weltgeschichte der Sklaverei Zeugnisse die Fülle. Sklaven, von deren „Unnatur" als Eroberungsgut man wusste und sie doch, als seien sie natürlich wie Menschen vormenschlicher Klasse behandelte, als instrumenta vocales (s. beispielsweise Aristoteles), Sklaven, sage ich, die man sozial wie lebendige, nützliche und gefährliche Tote behandelte, gaben zentralen humanen Normen wie den Menschenrechten ihre für Nichtsklaven positivierte Substanz. Der Stellenwert des exklusiven Eigentums und der ebenso exklusiven Freiheit gehören an erster Stelle dazu. Seit dem 17. Jahrhundert ist von extremistischen Intellektuellen wie Gerrard Winstanley und später den Sozialisten/Anarchisten versucht worden, Freiheit nicht auf Eigentum, sondern sozial am Umgang mit den anderen zu fassen und so erst aggressionslos zu ermöglichen. Dieser Versuch herrschaftszersetzt von denjenigen, die sich Sozialisten oder Kommunisten nannten, wirkt heute wie ein Modergeruch aus anderer Zeit. Die schier unendliche Menschengeschichte – so man diese Gattung einmal riskant voraussetzt -, gewinnt „System" im modernen „Prozess der Zivilisation". Ausschluss, Unterdrückung und human/in- oder vorhumane Klassenbildung werden systemische Zeichen. Wie essentiell diese struktur-funktionellen gesellschaftlichen und individuell habitualisierten Eigenschaften sind, kann in der Gegenwart daran abgelesen werden, dass und wie die Riesenklasse der menschlichen Arbeitsbienen, der Ausgenutzten, der Verelendeten, der Abgeschobenen und der schließlich Ausgeschlossenen produziert und mit vielerlei Mitteln der präventiven Repression, neuerdings technologisch verfeinert traktiert wird. A Planet of Slums. Menschen als Abfallprodukte der Globalisierung. Primär stellen sich nur noch Entsorgungs- und Sicherheitsprobleme. Letztere sind durch den Antiterrorismus legitimatorisch universal und fein geschliffen worden. Langum: Banalitäten des Bösen, je nach Perspektive verschieden gesichtet, gähnen um uns herum. Im Keller der Normalität fristen, nach Geschossen sortiert, „Unter"-Menschen wörtlich ihr Leben: diejenigen, die leistungsschwach nicht mitkommen, diejenigen, die nicht gebraucht werden, die vergrößerte Masse von surplus labour, diejenigen, die an falschen sozialen und geographischen Orten geboren wurden, diejenigen, die zu alt sind, diejenigen ... Einen anderen Aspekt im diskontinuierlichen Kontinuum Normalität-Anormalität bietet das (Un-)Verhältnis Täter-Opfer. Es frustriert die Suche nach einem soliden und eindeutigen Fundament und Horizont unserer Orientierung. So sehr, dass wir lebenslang vollends ins Ungewisse hinabfallen. Die Banalität des Bösen ist fast unvermittelt präsent. Welzer hat seinem jung erschienenen Buch über „Täter" den Untertitel gegeben: „Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden." Hätte man´s zuvor nicht gewusst, leuchteten die Tagebücher von Victor Klemperer und das des Breslauers Willy Cohn entsprechend heim, das erst jüngst publiziert worden ist. „Heim" zu uns selbst. Zu unseren glücklicherweise in anderen Zeiten anders überbrückten und geformten Abgründen. Wer einer deutschen Universität angehört(e), sollte sich wenigstens des 7. April 1933 erinnern. Das ist der Tag ihrer größten politisch habituellen Offenbarung. Also Katastrophe. Er war schon humboldtuniversitär quer durchs 19. und frühe 20. Jahrhundert angelegt. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums." Mit einem Schlag wurden neben sozialdemokratischen und kommunistischen Beamten, jüdisch-deutsche amtsenthoben oder massiv eingeschränkt. Ich beziehe mich exemplarisch nur auf die Universitäten und „nur" die jüdisch deutschen Professoren. Meines Wissens hat sich kein „arisch" deutscher Professor, ich bitte um Nachsicht für den Nazijargon, öffentlich dagegen ausgesprochen. Man nahm eher an, so man überhaupt dachte, es würde alles nicht so heiß gegessen, wie es nazibewegt, ermächtigungsgesetzt gekocht worden sei. Also könnte man noch später reagieren, wenn´s ‚wirklich' nottat. Bis es dann zu spät war. Die Wonnen der Gewöhnung und die List der sukzessiven Verschlimmböserungen hatten überhand genommen. Allgemein gilt mehr noch als anderwärts die Devise: nur wer sich selbst als Person riskiert, sprich: sich selbst wenigstens methodisch zur nackten Disposition stellt, nur die oder derjenige kann das, was „objektiv" der Fall war bzw. ist einigermaßen genau herausfinden. Und dann vielleicht rechtzeitig sich verhalten: principiis obsta! (Den Anfängen wehre!) Mein kleines Glück in der seinerzeit normalen Katastrophe meines Parteigenosse und Nazifunktionär gewordenen Vaters, protestantischer Pfarrer bis zum Vorabend meiner Geburt, mein winziges Glück im wehen Unglück, dass meine Mutter Parteigenossin und Mitglied der NS-Frauenschaft geworden ist, Pfarrerstochter und die beste Mutter , die man sich sonst denken kann, diese unverdiente Chance bestand darin, durch nichts als die wie voraussetzungslose Geburt und ihre Zeit zu rechtfertigen, dass ich nicht nur selbstbewusst in liebendem Kontext groß geworden bin. Ich hatte vielmehr irgendwann die zusätzliche Gelegenheit, zu begreifen, dass wir uns alle in Chaplins „Goldrausch" befinden. Wir liegen in einer Hütte, die über dem Abgrund jäht. Nur, indem wir bäuchlings auf dem Boden uns an nichts Festhaltendem verzweifelt festkrallen und danach streben, dem Hüttenteil oberhalb des Abgrunds Übergewicht zu geben, kann es geschehen, dass die Hütte balanciert zeitweilig stabileren Grund abgibt. Diese Einsicht hat keinen all entschuldigenden Relativismus zur Folge. Das ist das, was Eichmann im Prozess zu seiner Rechtfertigung anführte. Das Pech seiner Umstände. Nein, die Folge ist eine radikale. Abgesehen vom Nach-1945-Leben meiner Eltern, über das hier nicht zu handeln ist, das für mich eine zentrale Bedeutung im Sinne personaler Folgen hat, abgesehen davon folgt daraus die hoffentlich in Verhalten und Handeln übersetzte Einsicht, für sich selbst und andere Umstände zu schaffen, die Anpassungen begrenzen und Verweigerungen fördern. Dass man sich nie und nimmer, und seien es abstrakt formulierte Menschenrechte, mit einer Sache, einem Programm, einem Staat wes Strickart immer identifiziere. Nie den eigenen Verstand oder den anderer und die eigene, mit anderen abgestimmte Verantwortung delegiere. Die man dazuhin mit ausweisbar, anderen überzeugend mitteilbaren Kriterien ausstatten muss. Dass man sich erstlich und letztlich immer an den Menschen körperkonkret orientiere, die unten wohnen, wo die schweren Ruder der gesellschaftlichen Schiffe gehen. Darum darf man sich - selbst Welzerisch feindifferenziert - nicht primär an handfesten Massenmördern als den Tätern orientieren, an mir und dir vielmehr muss man es tun. An einem Charakterkopf wie meinem Vater, intellektuell, sprachvernarrt und sensibel bis dort hinaus, den jede und jeder in diesem Raum als älteren Freund geschätzt hätte. Er aber, ein phantasiemagerer, nationalstaatlich deutsch phantasieblockierter Täter vielmehr ohne Frage die Armut der Vorstellungskraft für die anderen ist das, was mich immer erneut mit der eigenen Kopfseele wider die elterliche Verhaltenswand, an meine Wand selber schlagen lässt -, er aber bis zum April 1945 in Berlin-Bernau, zuletzt in Marktkleberg im verbrecherischen Dienst, mutmaßlich ohne eigene direkte Verbrechen. Aber, aber, aber... Durch jede Stunde, durch jedes Wort blutet die Wunde der Nazizeit fort. Täter. Die Opfer stehen diskontinuierlich dazu: im Umkreis des Genozids, der Einsatzgruppen; ein mir unbekannter, ansonsten unrühmlich höchst bekannter Stahlecker-Onkel von mir war bis 1944 dabei und seinem Selbsttod, wie gemutmaßt wird; im Umkreis der Vernichtungs- oder Todeslager bis hin zu den analytisches Begreifen vollends überfordernden Todesmärschen. Wir sind dennoch gehalten, hinsehend zu begreifen. Ohne fixen, ohne entlastenden Begriff. Und doch: nicht nur Primo Levi, ein Zeuge, wenn denn einer zeugen kann, hat davon gehandelt. Vor allem in den „Ersäuften und den Geretteten". „Ist das ein Mensch?" so könnte man mit dem deutschen Titel seines ersten Buches fragen? Menschen darunter, die zu sogenannten Muselmännern heruntergemenscht wurden. Mit ihren Sinnen und doch ihrer Sinne zerstört. Opfer der Opfer, die nur Überlebende beschreiben konnten, die irgendwelche „Vergünstigungen" genossen. In perfekten Todeslagern gab es auch solche nicht. Dort hieß es: raus aus den voll gepferchten Viehwägen, rein ins Gas. Es kommt kaum von ungefähr, dass Primo Levi wie Jean Amery und andere das mehrfache Grauen irgendwann nicht mehr aushalten konnten. Dass sie nicht ertragen konnten, dass und wie die Zeiten nach 1945 und das Verhalten der runderneuerten Mehrheiten ihren Vorstellungen nicht entsprach, kommt hinzu. Bei Primo Levi jährt es sich früh im April zum 30. Mal. Wie aber soll man Menschenrechte gründen, wenn sie bei den Tätern wegrutschen, aber auch bei Opfern? Von eigenen historisch-anthropologischen Versuchen abgesehen, die zu skizzieren zu lange währte, überlasse ich alles einer meiner Lieblingsfrauen und zusammen mit ihr, Eurer Interpretation (auch sie vermittelt nazigemordet). Simone Weil: „Es gibt nichts anderes, das uns zu einer allgemeinen Ehrfurcht vor allen menschlichen Wesen veranlassen könnte. Welche Formel des Glaubens oder Unglaubens ein Mensch auch gewählt haben mag, der, dessen Herz bereit ist, diese Ehrfurcht zu bekunden, anerkennt tatsächlich eine andere Wirklichkeit als die dieser Welt. Der, dem diese Ehrfurcht tatsächlich fremd ist, dem ist auch die andere Wirklichkeit fremd. ... Inmitten der tatsächlichen Ungleichheiten kann die Ehrfurcht nur dann eine gleiche gegen alle sein, wenn sie auf etwas in allen Gleiches gerichtet ist. Die Menschen sind verschieden in ausnahmslos allen Verhältnissen, die sie mit Dingen verknüpfen, die dieser Welt angehören. Identisch ist in ihnen allein das Vorhandensein einer Verbindung mit der anderen Wirklichkeit."

Vierte Schwierigkeit.

In ihr eile ich ins „Positive" und bleibe doch Kritisch Theoretisch unverändert. Aller Furien räumlichen Verschwindens zum Trotz, unbeschadet aller ökonomisierten und darum linearisierte Zeit überholenden Gleichzeitigkeit bleibt Raum, sozialer Raum und immer räumliche Sozialität die Schlüsselgröße. Damit auch sozial verräumlichte Zeit. Also Tradition, Erinnerung und zusammen mit beiden weitergesponnene Zukunft. Du bist Orplid mein Land, das ferne leuchtet. Wie durchgehend in diesem sprüngereichen, in seinem Zusammenhang dennoch, so hoffe ich erkenntlichen Vortrag, stehe ich gerade bei dieser Erkenntnis auf den Schultern mancher Riesinnen und vieler Zwerge. Ich habe jedoch nicht nur der Kürze halber auf nahezu alle Verweise verzichtet. Ich habe dies auch dort getan, wo ich regelrechten, mir wenigstens bewussten Ausdrucks- und Aspekteklau betrieben habe. Ich wollte niemanden belehnen, niemanden vorschieben, hinter niemandes Busch mich verbergen. Kapitalistische und herrschaftsdirekter, weniger sublim etatistische Herrschaft leben von ihrer monomanen A-Sozialität. Also werden soziale Bindungen zerschlagen, zerhauen, ersetzt, kontrolliert,abstrahierend enteignet. Damit sie unbeschadet des neuerlichen Geredes flacher Hierarchien herrschaftlich nach Belieben stramm oder auch locker gezogen werden können. An erster Stelle steht die Dominanz eines Interesses, einer interesseprallen und zugleich flexibel kasernierten Rationalität. Sie sucht zur ‚Totalität'zu werden, indem sie weltweit ihre propagandistischen Trommler und ihre privilegierten, also instrumentell rationalisierten Repräsentanten einsetzt. Aus dieser gewalttätigen, mehr und mehr verinnerlichten, seelisch gewordenen Kraft, zu lösen, hat sich historisch mancher emanzipative Schub ergeben. Man muss nur den Brief eines französischen Bauern 10 Jahre vor 1789 lesen, um diese emanzipative Kraft zu begreifen. Alexis de Tocqueville und Gustav Laudauer haben seinen Brief von 1779 dokumentiert. Ein Bäuerlein an jedem Kleidungs-, Körper- und Landzipfel von Zaunkönigsherrschaften atmungseng vertäut. Emanzipatorische Schübe, man denke nur an die bis in unsere Zeit reichende Erbuntertänigkeit der Frauen, können kapitalistisch-etatistische Lösungsmittel auch heute noch bewirken. Die hauptsächliche Wirkung hat sich indes umgekehrt. Im Immediatkontakt von korrespondierender staatlich-kapitalistischer Herrschaft wird Assoziation nur dort zugelassen, wo sie posttayloristischem kognitiv-habituellem Trimm-Alle der divers einsetzbaren menschlichen Atome dient. Stichwort „Bildungspolitik".Die Staaten, immer schon weithin funktional kapitalanalog werden mehr als zuvor zu habituell sichernden Einrichtungen der Infrastruktur. In den kapitalistisch etatistisch ersten europäisch-angelsächsischen Ländern der Welt bestand die spät aufgegriffene, dann primär nur für den Kernbestand der klassenuntertan Beschäftigten halbbefriedigend beantwortete „soziale Frage" darin, wie deren spät erkämpften, politisch isolierten Bürgerrechte sozialbürokratisch ergänzt werden könnten. Die herrschende Antwort wurde süßhölzig als „Sozialstaat" bezeichnet. Sie bezeichnete gerade eine kurze Generation lang einen herrschenden Nebenakzent. Sie galt prekär abschüssig nach hilfsarbeiterlich und arbeitslos unten. Sie galt prekär Frauen gegenüber. Sie entsprach weltkapitalistischer Entwicklung und den in ihr ermöglichten nationalstaatlichen Nachkriegsboomperioden. Sie wurde nicht ‚gegenkapitalistisch' oder auch nur Kapital begrenzend ausgehandelt. Seitdem weltmärktliche Zusammenhänge und Brüche im schwer scheidbaren Amalgam von „Real"- und „virtuellem" Finanzkapital bis hinunter in provinzielle mittel- und kleinindustrielle Untenehmen die Erfordernisse kapitalistischer Konkurrenz verbreitert und intensiviert haben, hustet ‚der' nie fertig existierende, nie aus eigenen Mitteln lebende „Sozialstaat" stockend keuch. Damit hat sich zugleich die „soziale Frage" des 21. Jahrhunderts verallgemeinert. Sie ist nämlich die Frage nach der Eigenbedeutung lokaler und regionaler,auch überregional einflussreicher Gruppen und institutionalisierten Zusammenhänge von unten bestimmt. Vereine, kommunale Bürgerinitiativen, überregionale Aktivitäten, die man in den 70er Jahren in der BRD mit dem Etikett Neue soziale Bewegungen versah, spielen selbst heute eine größere Rolle als im fixierten Blick auf Makrogrößen wahrgenommen wird. Der Druck von Abstrakt-Oben nach unten hat sich jedoch verstärkt. Technologische Innovationen ersetzen menschliche Arbeit oder determinieren sie. Sie fungieren vor allem in herkömmlich durch soziale Umgangsformen stark bestimmten Bereichen à la im ausgefransten Gesundheitssektor als Sozialersatz. Die unerträgliche Leichtigkeit asozialen Seins nimmt zu. Der abgehobenen Politik korrespondieren längst keine gesellschaftlichen Einrichtungen mehr. Das ist ein Grund dafür, dass staatliche Politik wie im leeren Raum stattfindet. Sie ist den ökonomischen Interessen ohne eigene Legitimationsmittel ausgeliefert ist. Dieser Umstand begründet unter anderem warum es haltlos ist, nahezu tautologisch von „Zivilgesellschaft" zu reden. Menschenrechtlich demokratisch aber bedeutet die wachsende A-Sozialität, dass darauf bezogene Normen ohne Grund, ohne angemessene materielle Formen in der Luft hängen. Auch daraus erklärt sich die Fixierung auf staatliche Maßnahmen und Gesetze. Sie lässt die staatlichen Möglichkeiten überschätzen. Sie wirkt wie punktuelles, immer zu spät kommendes menschenrechtliches Gekläff, mag einem das noch so melodisch in den Ohren klingen. Meist könnte man ebenso an den Mond petieren oder der Bundeskanzlerin einen Brief schreiben, sie solle führungsmächtig Europa oder die deutsche Iran- und USA-Politik verändern. Im Titel meiner Rede war am Ende ihrer barocken Länge von Brosamen im Umkreis der Menschenrechte die Rede. Brosamig schließe ich. Zum einen: Brosamen weisen auf einen Brotlaib. Es ist nicht zu erwarten, dass dieser Laib staatlich geliefert werde. Der moderne, nationalstaatlich auf Identifikation, auf In- und Exklusion angelegte Staat mag ab und an punktuell hilfreich sein. Vor anderem, soweit es um die allerdings immer von ihm gesatzten Rechte seiner Bürgerinnen geht. Ohne diese BürgerInnen wäre er schließlich ein Nullum. Nicht unerheblich ist es, dass die Grund- und allgemein statuierten Menschenrechte nach Art.1 Abs.3 GG von jeder Bürgerin, zu einem Teil auch von jedem in der BRD weilenden, nicht staatsbürgerlich verorteten Menschen notfalls wider den Staat eingeklagt werden können (Art. 19 GG). Der grund- und menschenrechtlich pelzkragige Legitimationsmantel der BRD als Staat kann notfalls auch gegenmobilisierend benutzt werden. Was wäre der staatliche Kaiser nackt, trüge er diesen Mantel nicht. Dahingehend ist mangels anderer Mittel immer wieder zu mobilisieren. Allgemein aber dürfen Leute, die die Menschenrechte und in ihnen radikaldemokratische Formen materialistisch ernst nehmen, ‚den' Staat nicht als ‚positiven' Bezugsrahmen oder unmittelbar als Adressaten ihrer Aktivitäten wählen. Von allem herrschaftlichen, kriegsmassenblutig ergatterten Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit an haben Staaten, auch dort zuerst für einseitige Interessen Herrschaft ausgeübt, wo sie schließlich nach vielen Bürgerinnen- und Arbeiterinnenkämpfen liberalisiert, konstitutionalisiert und sogar mit grund- und menschenrechtlichen Bezügen versehen worden sind. Sie haben strukturelle Ungleichheiten aufrecht erhalten. Sie setzten dominante Kapitalinteressen durch. Sie bekämpften anders gerichtete Assoziationen oder kooptiertierten sie. Gewalt als normales Lösungsmittel von Konflikten wurde von ihnen gesellschaftsinnerlich lebendig bewahrt. Darin besteht ihre raison d´être im normalisierten Ausnahmezustand. Kriege wurden von ihnen noch und noch geführt. Die Permanenz von Kriegsführung und Rüstung für den Krieg sorgt dafür, dass staatsgesellschaftlich, wie Christa Wolfs Kassandra weiß, immer Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeiten gelten. Diese verschiedenen ‚Aggregatzustände' des Krieges währen, selbst wenn neuerdings in „entwickelten" (!) Ländern anders als technologisch überlegene Kriege wahrhaft von oben, schwieriger geworden sind. Wenigstens die staatsbürgerlich eigenen Toten, auch sie primär aus Mitgliedern von Unterklassen und erwachsenen Kindern zusammengesetzt, vermögen nur noch mühsam „stolz betrauert" zu werden. Die Versuche qua staatamännischfraulichen Truppenabmarschiergängen, die zum allgemeinen Protokoll gehören, von Soldatenvereidigungen und anderen militärisch oder innerer Gewaltübung geltenden Symbolinszenierungen dürfen freilich nicht unterschätzt werden. Nichts schlimmeres als „Fahnenflucht!" (Wie oft habe ich mir vergebens gewünscht, hätte mir das doch jemand wenigstens zum 70. geschenkt, dass ich als einstündig ernannter Wehrminister im schneeigen Winter, wenn die Zeremonie ihren Höhepunkt erreicht, „Ich hatt einen Kamaraden" gespielt wird, etwa an der markanten Stelle, die da lautet: „Kann dir die Hand nicht geben, derweil ich eben lad, sei du im ew´gen Leben mein guter Kamerad" – dass ich dann mit zackigem Schritt, heute schwankte ich freilich wie besoffen herum, aber kurzem Hemd und ebensolcher Hose eine Truppenparade abnähme, vielleicht mit sämtlichen Ministerpräsidenten der EU, vereinigt mit den G8-Gipflern, sodass ich auch Putin vorweg die Hand hätte altkameradschaftlich reichen können). Kurz: menschenrechtlich kann und darf man in der BRD nicht auf dem Staatsboden der „fdGO" stehen. Ich stehe jedenfalls nicht. Ich schwanke, darum bin ich. Zulange musste ich nach dem „fdGO"-Entzug im Jahre 1975 in der Luft schweben - es dürften gute 20 Jahre sein, bis mir das Celler Gericht versicherte, ich stünde doch -, sodass ich die landesübliche, staatsschützerisch verlangte Schwerkraft verloren habe. Nur auf den Menschenrechten ist Platz. Schmal, gefährdet, aber meterdick humusnarbentief. Das Mehl und die Zutaten zum Laib der Menschenrechte kann ich als Bäckergeselle über das hinaus nicht vorstellen, was ich hauchhaft mit Simone Weil andeutete. Auch den Backvorgang und seinen betörenden Duft, muss ich Euch leider vorenthalten. Wüßte ich doch, wie Euch das Wasser im Munde zusammenliefe. Nur noch menschenrechtsbrotfundamentalistisch wolltet Ihr schmausen. Einige hauptsächliche Eigenarten des Brots und konsequent seiner Brosamen will ich vorbeistreifend pointieren. Menschenrechte sind nicht, es sei denn materialistisch. Menschen als soziale Körper-, Verstands- und Gefühlswesen könnten sich anders nicht dem annähern, was an Möglichkeiten in ihnen steckt. Menschen können, Menschen müssen sich entwickeln. Das ist ihr Fascinosum und ihr Tremendum in einem. Chaplin Goldrausch! Dazu brauchen sie einen Ort, gegenseitige Hilfe, Anerkennung, Brot und die Chance, schöpferisch zu gestalten, etwas, das man auch Arbeit nennen kann. Sie müssen sprechen lernen. Das können sie nur, wenn man früh mit ihnen spricht. Sie müssen Selbstbewusstsein entwickeln. Das hebt mit dem ersten Lächeln und Spielen in den Strampelhöschen an. Sie müssen ... Wenn ein umfangreiches, verschieden mischbares, aber doch von kontinuierlichen Elementen bestücktes Ensemble sozialer Verknüpfungen nicht sich weitend und ändernd gegeben ist, dann können sich Menschen auch massiv verfehlen. Menschsein versteht sich nie von selbst. Es ist eine historisch soziale Variable mit nicht wenigen Notwendigkeiten. Selbst- und Mitbestimmung gehören durchgehend vom extremen Nesthocker Baby bis zum altersdementen Mann dazu, ihrerseits immer materiell begründet. 1. Gerade um eine selbstbewusste Person zu werden und darum mit Phantasie für anderes und andere, dem ersten Schritt zur Urteilskraft, können Menschenrechte nie nur oder primär individuell gefasst werden. Dass dem im Westen historisch und weithin bis in die Gegenwart so ist, versteht sich mitten im staatlich verfassten Kapitalismus. Selbst diese dissozzierend funktionierenden institutionalisierten Phänomene werden immer schon als Kontextgrößen und sozialisatorische Bedingungen vorausgesetzt. Genau in diesen sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen sind die Spezifika, der imperial universell gesetzten, westlich bestimmten Menschenrechte zu erkennen. Das, was Carol Pateman für die frühe Fassung der Menschenrechte in den USA nachgewiesen hat, dass sie den universalen Anspruch des westlich weißen und besitzenden Mannes formulierten, gilt anders heute ebenso. Dies festzustellen besagt nicht, dass der universelle Geltungsanspruch der Menschenrechte fahrlässig aufzugeben wäre. Es besagt vielmehr, dass die kollektiv-kulturellen Bedingungen darüber mitentscheiden, welche Menschenrechte wie personal verköpert werden können. Also wurde nicht nur den Indianern und bis heute vielen anderen nichtwestlichen Kulturen ihre reale Möglichkeit zu leben erdrosselt und abgegraben. Indem man ihnen ihre Kultur nahm. Damit sie die „individuellen Menschenrechte" des Westens kapitalfromm übernähmen. So unter anderem der große Thomas Jefferson. Vielmehr kommt es hier und heute darauf an, die Pluralität der Menschen in ihren Kuluren und Wertbezügen so zu fassen und zu garantieren, dass das jeweils andere und die anderen, einschließlich der Fülle der Minderheiten in allen Ländern ohne gewalttätige Aggressionen, ohne abschiebende Exklusionen oder repressive Integrationen akzeptiert werden. Das wäre der erste Schritt zu Kants „födus pacificum". Wie müsste sich der einseitig interessierte Universalismus des Westens häuten und ändern, damit Konkurrenz, Krieg und „Nation-Bilding" nicht eine herrschaftsexklusive Allianz eingehen. In diesem Sinne ist die menschenrechtliche „Kolonialisierungsarbeit" im Westen, going human rights eine new frontier. 2. Gerade um der Personen und ihrer Eigentümlichkeit willen sind Menschenrechte immer in soziale Situationen, in Prozeduren und Mittel zu übersetzen. Wie anders sollen Menschen „ihre" Wirklichkeit erkennen, lesen, sich zu eigen machen, an ihr mitbestimmen, in ihr gestalterisch aktiv werden können. Wenn sie dies aber nicht können, dann bleiben die schönsten Menschenrechte wie dies für die meisten westlichen gilt für die Mehrheit auch im Westen wohnender Menschen Schlagobers für die Oberen. Das ist der andere Aspekt menschenrechtlich notwendigen, weil das Körperwesen Mensch zwischen Natalität und Mortalität ernst nehmende Materialismus. Normen und Formen, Ziele, Mittel und Institutionen sind unablässig hin und her zu wägen. Damit die Aufgabe aber nicht zu riesig werde, lässt sich getrost sagen, dass wir aus der Geschichte der Menschen, aus leid- und freuddurchwachsenen Jahrtausenden, aus Untertänigkeit und herrlichen Ekstasen des aufrechten Gangs genügend wissen, um auf hoher Ebene anzuheben. Wenn wir die klingenden Töne der Menschen, ihr Jauchzen und ihre Schreie des Entsetzens vernehmen, dann trägt uns dieser leidgeprüfte unauskündbare Gesang bis ans Ende unserer menschlichen Tage: menschenrechtsemphatisch. 3. Ein einzelnes Menschenrecht nehme ich illustrativ heraus. Die Integrität oder in dem wunderbaren deutschen Wort, die Unversehrtheit des Menschen. Ich rangierte dieses, wollte man eine normative menschenrechtliche Hierarchie begründen, an oberster Stelle. Sofort fällt auf, dass dieses Menschenrecht nicht „ist", also seine Verletzungen nur „abgewehrt" werden müssten. Vielmehr ist das, was jeweils unter „Integrität" verstanden und wie sie gewahrt und gewährt wird, in erheblichem Umfang eine historisch-gesellschaftliche Größe. Wenn man unterstellt, dazu neigte ich, dass alle Gewalt und also Vergewaltigungen, die Menschen anderen antun, mit Unversehrtheit nicht zu vereinbaren sind, wären durchgehend solche Verhältnisse herzustellen, die Gewalt/Vergewaltigungen ausschließen (ich lasse die Frage des Gewaltbegriffs einmal beiseite). Darüber hinaus wird einsichtig, dass die lebendige Eigenschaft der Integrität immer nur für die einzelne Person oder auch eine Gruppe gelten kann – gewiss nicht für größere Einheiten, Herrschaftseinrichtungen gar à la Nationalstaaten. Es gibt sie nur als Herrschaftsfetisch: die nation une et indivisible! Nur eine Person oder eine kleine im Palaver organisierte Gruppe kann und darf ausmachen, ob und wie die eigene Unversehrtheit riskiert werden kann. Vor allem in liebend freundschaftlichen Bezügen oder um unserer Gesundheit willen riskieren wir uns dauernd. Das aber bedeutet: Integrität ist nur als aktives selbst- und mitbestimmende Verhaltensweise fassbar. Wenn sich zeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen und Instrumente herkömmliche Fassungen der Integrität durchbrechen, europäisch im 17. Englischen Jahrhundert in habeas corpus und my home is my castle verankert, wie dies durch die neuen Technologien der Fall ist, dann ist sie ihrerseits verändert zu konzipieren. Dann bedarf es neuer Selbst- und Mitbestimmungsformen. Ich breche ab, weil mein Zeitpensum weit überschritten ist. Ich wollte nur andeuten, warum radikaldemokratische Qualitäten in jedem Menschenrecht stecken. Außerdem können sie nur historisch sozial abgesteckt werden, gerade wenn man auf ihre personale Stimmigkeit zuerst Wert legt. 4. Wie immer man Menschenrechte, als Bedürfnisse und Potenzen der Mensch-Werdung fassen mag, was sie sind und werden, wie man sich an sie hält oder auf sie einwirkt, wird dadurch entschieden, wie man ihren allgemeinen Anspruch mit dem Besonderen jedes Menschen in seinem geschichtlichen Kontext verbindet. Mit einem Kürzel gesprochen: meines Erachtens muss man Menschenrechte als die Universalität des Besonderen verstehen. Das heißt der besondere Mensch X hier und heute mit seinen Leiden und Freuden ist das Alpha und das Omega. Er, nein sie, verkörpert das konstitutive Prinzip. Selbstredend ist das angesichts der Fülle der Verwerfungen und missbrauchten Begriffe nicht genug. Irren ist menschlich. Goodspeak bestimmt die herrschaftlichen Verkrüppelungen des Menschen. Die allgemeinen Menschenrechte beispielsweise der UN-Menschenrechtserklärung vom 17.12.1948 müssen als regulative Prinzipien fungieren – so unzureichend sie sind. Sprich: mit ihnen wird die spezifische Situation des Mannes in Kamerun und der Frau in Nepal abgeglichen. Die allgemeinen Normen werden als kritische Hebel benutzt. Stellte sich dann heraus, dass die arme, kinderreiche Frau in Nepal vielfach unterdrückt, ausgebeutet und überlastet ist, der Mann in Kamerun nur dem Schein nach als freier Bürger seinen Weg gehen kann, dann müsste alles, was aus der Kritik folgte, zusammen mit Mannfrau am Ort in übereinstimmender Entwicklung erfolgen. So möglich. Auf keinen Fall geht es in schlechtem Kantianismus an, Menschenrechte als abstrakt universelle Normen auf spezifische Situationen anzuwenden. Um daraus beispielswese „humanitäre Interventionen" pseudo-menschenrechtlich zu begründen. Dem Manne, der Frau im Singular und Plural soll in ihrer spezifischen Situation mit den allgemeinen Menschenrechten geholfen werden. Die besonderen Bedürfnisse und Umstände stehen am Anfang und am Ende. Aus allgemeinen Normen gewonnene Kritik liefert die dauernden Stachel, schlechte Besonderheit aufzureizen, nicht aber sie zu vernichten. Anders zu verfahren eröffnete allem menschenrechtssymbolisch gesäumten Imperialismus Tür und Tor. So wie es mit den gegebenen Umständen heute bestellt ist. Zum anderen. Zu den Brosamen vom Laib. Diese picke ich nun komiteebezogen auf. Als wir nach dem Russell Tribunal 1979/1980 das Komitee gründeten, haben wir einen großen Fehler gemacht. Er ist mir erst im Laufe der Zeit einsichtig geworden. Dieser Fehler ist aus der Zeit heraus verständlich. Er bleibt aber ein Fehler. Nicht stellvertreterpolitisch, obwohl unvermeidlich ein Stück davon, und sei es in noch so antiautoritärer Weise, wollten wir ein Kopfkomitee organisieren, ohne dieses mit regionalem oder lokalem Körper zu versehen. Die Neuen Sozialen Bewegungen waren immerhin noch so vital, dass wir meinten uns zusätzlich zu Daueraufgaben wie Gefangenenhilfe, zusätzlich zu eigenen Aktionen und ihren Formen von der Demobeobachtung über friedensbewegte gewaltfreie Blockaden bis zu Einzelaktionen wie der symbolischen Entzäunung eines Abschiebeknasts zu Worms am Rhein, dass wir also meinten einen Großteil unserer Kraft in menschenrechtsradikale Aufklärung stecken zu können. Das Verhältnis der drei Arten, uns zu äußern, war im Laufe der Jahre sehr verschieden gewichtig. So weit, so gut, aber auch unzureichend. Was wir seinerzeit menschenrechtlich „leistungsbewusst" im Sinne einer kleinen, aber wirksamen Instiution nicht bedachten, war die Not und Notwendigkeit, assoziative Zusammenhänge über längere Zeit hinweg zusätzlich zum Kern des Komitee selbst zu schaffen. Das wirkt sich heute als Manko aus. Die Zeiten haben sich verändert. Das wäre allein an der Auflagenhöhe unserer Broschüren zu belegen, ohne Auflagen als solche zu überschätzen. Ich will und kann an dieser Stelle nicht ins Phantasieren kommen, wie das, was ich bibelinformiert schon früh im Komitee Menschenfischerei genannt habe, unter den heutigen Bedingungen besser betrieben werden könnte. So, dass das Komitee konkreter, fassbarer präsent wäre. So, dass wir ein Stück dessen leisteten, was man eine Habitualisierung menschenrechtlichen Engagements nennen könnte. Dazu braucht es eigene, sich wiederholende Zeiten. Dazu bedarf es sozialer Orte, stabil, orientierungs- und sozialisierungskräftig, die nur in begrenztem Umfang mobil sind. 1. Im Kern ist während meiner Vorstandszeiten, wenn ich das so sagen darf, eine Assoziation gelungen, die mich heute noch trägt. Das war auch der Grund, warum ich entgegen meiner Abneigung, mir selbst oder anderen zur Feier zu werden, zu diesem 17. März, hier und heute, zugesagt habe. Im Komitee haben wir es mit wenigen Ausnahmen nicht nur vermocht, das Ausmaß an Zeit für irgendwelche strittigen Abstimmungen auf einem Minimum zu halten. Vielmehr, und das ist der positive Ausdruck des geringen zeitlichen Eigenverbrauchs, haben wir uns im aktiven Kern jahrzehntelang, Freundschaft dichtend und verdichtend, geradezu blind verstanden. Es war freilich nicht Blindheit, sondern Vertrauen in die Zuverlässigkeit des je anderen. Diese engen Freundschaften, von keiner Natur vorgegeben, erfahre ich heute noch als nicht vorhersehbares, als nicht erwartbares Geschenk. Alle hier wissen, dass Klaus Vack und an seiner Seite Hanne Vack an der ersten Stelle stehen, aber nicht nur der unvergleichliche Klaus und die behendeste Mitarbeiterin und Umsetzerin Hanne. Mir ist in Richtung unseres Menschenrechtsbegriffs und seiner Radikalität jedoch bewusst geworden und heute mehr denn je klar, dass es in einem solchen abseitig zentralen Institutiönchen wie dem Komitee nicht anders geht. Es muss Freundschaften befördern. Es wird nur durch Freundschaften gehalten. Die eigenen Umgangsformen zählen nicht allein. Das Komitee ist kein Kerzenstübchen. Sie müssen jedoch menschenrechtsinnerlich dem menschenrechtsaußen gerichteten Anspruch unaufwendig zu entsprechen suchen. Ein Drittes gibt es nicht. Nur solche, Spass machenden und den anderen integer tolerierenden Umgangsformen manchen den intensiven wie extensiven Zeit- und Kraftverbrauch möglich, den man nun einmal randständig radikal verheitzen muss. Lauwarmes menschenrechtliches Engagement spuckt nicht nur der Gott der Offenbarung aus. Das Komitee und die Menschenrechte, die es meint und meinen muss, gingen am Lauwarmen zugrunde. 2. Das muss sich auch an den Formen der Äußerungen immer erneut bewähren. Die Spannung gilt es auszuhalten. Dass man dauernd schreien möchte. Weil niemand hört, die Medien nicht meditieren. Die Power of Now pocht heftig. Im furiosen Ereigniswind flachen alle Probleme, wenn man sie in ihrer Schwere gerade wahrnehmen könnte. Der Kuh Nietzsches gemäß, die angepflockt am kurzen Bändel des Augenblicks schon vergessen hat, was sie sagen wolle, wenn sie zu sagen anhebt. Dann neigt man dazu, ich weiß um diese Neigungen, Wozzeckgleich mit dem spitzen Wortmesser durch die Gassen zu rennen, Katastrophe, Katastrophe, Katastrophe – und die allgemeine Betäubtheit nimmt zu. Nicht weniger fragwürdig wäre, sich darum zu bescheiden. Nicht dauernd darüber nachzudenken, welche Formen, sich zu äußern, aufrütteln könnten. Wie aus einmal begriffenem Entsetzen, anderes Verhalten folgen könnte. Denn Erich Kästners, von Klaus so oft praktisch genanntes, fast wie ein ausgetönter Kalauer wirkendes Wort gilt: Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es. Darum müssen auch diejenigen, denen das Komitee mit seinem materialistischen Begriff der Menschenrechte gilt, im Komitee oder freundesanderwärts, gesellschaftsrevoltierend, heischensprall, neu und neu in ganzer Person praktisch werden. Je nach Umständen: von einer Menschenkette, von gewaltfreien Blockade bis zum Hungerstreik. Die Risiken sind nur soweit zu bedenken, dass die Menschenrechte gerade denen gegenüber nie aufgegeben werden, die sie praktizieren. Dass außerdem nicht primär herrschende Gewalt herausgelockt wird, immer gegenwärtig und heute mehr denn je präventiv repressiv, wie sie schon gesetzestümelnd zugespitzt wird. Gerichtsverfahren sind zuweilen sehr wichtig. Eine Prozesseritis oder goldene Nahkampfspangen gewaltfreien Handelns im Gerangel mit der Polizei öden im Schein. Zuweilen kann es freilich sein, dass die Kunst des Neinsagens geübt werden muss. Dies selbst dann und gerade dann, wenn keine andere direkt erreichenden, gar medial angenehmen Übersprungseffekte zu erwarten sind. Mehr denn je bedaure ich, dass ich mich nicht der bildungspolitischen Banalität des Bösen mit aktivem Streik widersetzt habe. Stattdessen habe ich - mit 65 ausscheidend - das Handtuch geworfen. Ich tat es vor allem, weil ich neben dem Felsenfreund, Peter zu deutsch, nicht noch zwei oder drei mit uns sich verweigernde Kollegen fand. Ich scheute die singuläre Pose und all die geschmacksarmen Prozesse. Vollbeamtet, ohne die Chance mich als emeritierten Grufti zu behandeln – und das ist es, was geschieht – hätte ich lehren, erklären und mich zugleich verweigern sollen: dem modularisierten Schwachsinn, der Studierende enteignet; dem Notenspießrutenlauf, durch den sie geschickt werden; den Wonnen ungleichen Daseins, die ihnen einsozialisiert werden. Als wären es individuelle Mängel, dass die meisten ihr Leben im Schatten der exzellent Verdummten fristen. Dass all das und mehr die exzessiv überschätzten „68er" hingenommen haben und im ausrinnenden Rest hinnehmen, erinnert aktuell an die immer führend mitlaufende Schuld der Intellektuellen in diesem Lande. Und es gilt nur ein Nein! Hier und anderwärts. 3. Die Anstrengung der Aufklärung bleibt im Zentrum. Gerade weil allen betörenden Rationalisierungen feindliche Nüchternheit geboten ist, heilige Nüchternheit im menschenrechtlichen Sinne, ist mit den Pfunden einer der hauptsächlichen Bedingungen menschlichen Lebens zu wuchern. Den Pfunden der Notwendigkeit der Entwicklung; der weiten Offenheit dieser Entwicklung; der dadurch bedingten sozialen Abhängigkeit der Entwicklung; der ungeheuren Chance, die durch sie eröffnet wird. Hannah Arendt hat dieser elementaren, historisch neu und neu sich ereignenden Bedingung - gegen das unter anderem philosophisch begründete, bei den Nazis politisch extrem umgesetzte Todesstarren gerichtet, man denke nur an die „Totenkopfverbände"! -, die Natalität des Menschen und ihre darin gegebenen Chancen und in den Chancen enthaltenen Aufträge genannt. Diese Bedingung machte die Nazitäter möglich. In dieser Bedingung steckt die Chancenpflicht, solche Täter in der Regel gerade nicht mehr mit Nazicouleur unwahrscheinlich zu machen. Das Gegenteil zu tun. An gesellschaftlichen Inhalten und entscheidend an Formen zu arbeiten, die das ewig pubertäre, also beeinflussbare und sich unter den jeweiligen Bedingungen selbst gestaltende oder fremd gestaltete Körperwesen Mensch in Gesellungen groß werden und solche schaffen lassen, auf dass ‚gutes Leben' in immer prekären Umständen, konfliktdurchwachsen und human gelöst zugleich möglich werde. Primo Levi fasst in der Schlusspassage seines Buches „The Drowned and The Saved", das ich seinerzeit noch druckheiß im Englischen sofort gelesen habe, die Chance als dauernden Auftrag. Indem er noch einmal deutlich macht, was geschieht und lange es vor allem Todeslagern geschieht, wenn diese uns allen kollektiv und individuell geltende Chance versaut wird. „Angesichts der entrückenden Zeit werden wir öfters und nachdrücklicher von den Jungen gefragt, wer unsere „Folterer" waren, aus welchen Kleidern sie zugeschnitten gewesen sind. Der Ausdruck „Folterer" spielt auf unsere ehemaligen Bewacher an, die SS. Er ist meines Erachtens nicht angemessen. Er macht verdrehte Individuen assoziieren, krank geboren, Sadisten, falsch durch einen angeborenen Fehler. Tatsächlich waren sie jedoch aus denselben Kleidern geschnitten wie wir; es waren durchschnittliche Menschen, durchschnittlich intelligent, durchschnittlich niederträchtig; von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren es keine Monster. Sie hatten unsere Gesichter. Sie waren allerdings schlecht erzogen worden. Zum größten Teil waren es eifrige Mittuer und Funktionäre, manche davon fanatisch überzeugt von der nazistischen Ideologie, manche gleichgültig, manche angstvoll vor Strafen oder, weil sie eine gute Karriere machen wollten, exzessiv gehorsam. ... Klar und deutlich muss bleiben, dass alle in geringerem oder größerem Umfang verantwortlich waren. Ebenso klar und deutlich muss jedoch sein, dass hinter der individuellen Verantwortung die große Mehrheit der Deutschen stand. Sie hat während der Anfänge aus intellektueller Bequemlichkeit, kurzsichtigem Kalkül, Dummheit, und nationalem Stolz die „wunderschönen Worte" des Gefreiten Hitler akzeptiert. Sie folgte ihm so lange ihm das Glück und der Mangel an Skrupeln hold waren. Sie löste sich von ihm aufgrund seiner Niederlage, der Toten, der Misere und mancher Reue. Einige Jahre später wurde sie infolge eines prinzipienlosen politischen Spiels rehabilitiert." Die Gefällstrecke nach unten neigt sich stärker. Menschen gleiten in ihren herrschaftlich und privatistisch verdummten Verhältnissen leichter ungleichen Abgründen entgegen. Die Gefällstrecke kann aber nach oben weisen. Ansteigstrecke, Bergkletterstrecke. Das ist unsere Chance, unsere Aufgabe, unsere Lust. Darum sind wir beauftragt um unserer selbst willen, gesellschaftliche Verhältnisse real möglich in konkreter Utopie zu entwerfen und Stück um Stück anzustreben und fielen wir noch so oft wieder zurück. Gerade weil die radikale Kritik Kritischer Theorie triftig ist, auf sie habe ich mich zeitgemäß in den ersten Schwierigkeiten bezogen, sind wir gehalten, konkret utopisch, also menschenrechtsmaterialistisch „positiv" zu werden. Sonst gingen noch die Kriterien der Kritik verloren. Woher sollten sie die aufgeherrscht flexibilisierten und mobilisierten Jungen kennen? Darum gilt es Adornos Satz zu entfalten: „Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie. Diese, das Bewusstsein der Möglichkeit, haftet am Konkreten als dem Unentstellten." Hierbei gilt: „Einschränkung des Geistes auf das seinem geschichtlichen Erfahrungsstand Offene und Erreichbare ist ein Element der Freiheit; das begriffslose Schweifen verkörpert deren Gegenteil." Also ist ein Gesundheitssystem entwerfend zu propagieren, das möglich wäre und endlich Patienten zur Bürgerinnen machte. Ebenso ein Bildungssystem u.a.m. Also ist die EU nicht nur rundum zu bekämpfen. Vielmehr sind europäische Konturen zu entwerfen, die das vielhäusige Europa plural, eigensinnig und friedensfunktional nach innen und außen ermöglichten. Also ... Aufpassen müssen wir darum, dass wir uns von den herrschenden Zumutungen asthmatisch hinterherrennend nicht allen eigenen Atem und die fundierte Propaganda der Menschenrechte als realen Alternativen nehmen lassen. Dann würden die Brosamen wenigstens ab und an zu Leuchtfunken. Sie würden ausstrahlen wie ein logos spermatikos, eine samenvolle Streubüchse. Sie faszinierten mit uns diejenigen, die immer mit eingeschlossen mitgemeint sind: die anderen als andere. Wie zukunftsgerichtete Märchen von 1000 und einer Nacht. Dann können wir auch Albert Camus begreifen, einen Geistesliebling meiner jungen und meiner alten Tage, der von seinem Sysiphos berichtet, von mir erstsemestrig im csu-rabenschwarzen Frankenwald zu Würzburg nahe der Ordinarienuniversität geringer Lehr- und Lernkraft gelesen: dieser Sysiphos „und holtidipolter entfleucht ihm der tückische Marmor" und donnert nach unten; dieser Sysiphos also soll ein glücklicher Mensch gewesen sein. Wenn das zutrifft, dann war er glücklich, dass er immer noch hinaufwälzen konnte. Alles andere als eine selbstverständliche Sache. Wohlan denn: lasst uns wertvolle Steine sammeln und nach oben wälzen. Sonst könnten sie nie lustig selbst noch in der darum rasch besiegten Resignation nach unten kullern. Soweit meine Rede, die ich am 17.3.2007 vorgetragen habe. Zwei Nachschriften habe ich aus Gründen ohnehin überzogener Zeit entfallen lassen. Sie mögen im schriftlich gefassten Text das wahre End bilden.

Postscriptum eins:

Wie Camus war mir der normal ver-rückte Hölderlin jung und ist mir alt nah. Von ihm nicht zuletzt das Motto seines Hyperion, das prägnant menschenrechtlichem Engagement gilt gegen alle Hybris auch eigenen Tuns gerichtet: Non coerceri maximo, sed contineri minimo divinum est. Ich übersetze es frei in meinem, aber Hölderlin nicht beleidigenden Sinne: nicht das Größte zu zwingen, sondern das Kleinste zu halten, ist göttlich.

Postscriptum zwei:

Ein enger Freund, Stanley Diamond, Ethnologe und Dichter aus New York, 1921-1991, „In Search of the Primitive", hat die narrennahe Gestalt des Trickster wie folgt gefasst. Sie agiert Ambivalenzen aus und erhält sie, die unser Dasein bestimmen. Sie können nur um den Preis tödlicher In- und Exklusionen unterdrückt, weggeschnitten und vernichtet werden. „Der Trickster kann von den Menschen nicht ins Exil geschickt werden. Repräsentanten aller möglichen Herrschaften während der Geschichte westlicher Zivilisation haben selbstredend immer erneut versucht, ihn auszubürgern. Der Trickster, eine heterogene, weiblichmännliche Zwittergestalt, kehrt immer zurück. Je totalitärer der Staat, je mehr eine Gesellschaft mit verkürzten Symbolen funktioniert, Symbole unterdrückt, je repressiver die Anstrengungen, Trickster auszuschließen. Der Trickster stellt keine Verirrung dar, die wir herbeizitieren könnten, um unsere Frustrationen zu ventilieren; sie ist keine konzeptionelle Größe. Sie ist vielmehr Teil der menschlichen Existenz; eine Hälfe des tragikomischen Ganzen menschlicher Erfahrung."