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„Wir müssen nicht nur demonstrieren, wir müssen uns auch bilden im emphatischen Sinne.“ Elmar Altvater

„Wir müssen nicht nur demonstrieren, wir müssen uns auch bilden im emphatischen Sinne.“ Elmar Altvater

Liebe Freundinnen und Freunde im Grundrechtekomitee!

Wir trauern und verabschieden uns von unserem Weggefährten Elmar Altvater. Noch im September 2009 veranstalteten wir mit ihm eine komiteeliche Jahrestagung unter dem Titel „Die Weltwirtschaftskrise – zwischen Beunruhigung und Gelassenheit“. Dort hatte er uns die Konturen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise, ihre systematischen Hintergründe und soziale Brisanz nachgezeichnet, angefangen von der Klimakrise über die Hungerkrise bis zur Finanzkrise. Es handele sich um eine umfassende Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse: das kapitalistische Produktions- und Konsumptionsmodell stößt an seine sozialen und ökologischen Grenzen. Gerne haben wir mit ihm diskutiert. Unser Mitstreiter Rudolf Walther hat nachfolgenden Nachruf für den „express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit“ verfasst und uns freundlicherweise überlassen. Wir danken Rudi ganz herzlich dafür.

Elmar Altvater mietete in den 1970er Jahren ein Ferienhaus in der südlichen Toscana, das in den Semesterferien einem Bienenhaus glich. Die Besucher kamen mehr oder weniger geplant und fast jeder brachte noch einen mit, den er gerade irgendwo angetroffen hatte. Elmar war nicht nur ein großzügiger Gastgeber, sondern auch ein hervorragender Koch. Die Abende und die ebenso lauen wie langen Nächte mit intensiven Diskussionen bleiben unvergesslich.

Elmar Altvater wurde 1938 geboren und studierte nach dem Abitur in Kamen Ökonomie und Soziologie in München. Diese Fächerkombination ist für den Leser seiner Bücher ein Glücksfall, denn er hatte, worüber wenige Ökonomen verfügen: einen interessierten und sachkundigen Blick auf die politisch-sozialen Grundlagen der Ökonomie, später kam eine immense Kenntnis der Koppelungen und Konflikte von Ökologie und Ökonomie hinzu.

Seine Dissertation über „Gesellschaftliche Produktion und ökonomische Rationalität: externe Effekte und zentrale Planung im Wirtschaftssystem des Sozialismus“ erschien 1969 in der legendären roten Reihe „Politische Ökonomie. Geschichte und Kritik“ der „Europäischen Verlagsanstalt“ (Frankfurt/M.) und des „Europa Verlags“ (Wien). Die Bände dieser Reihe, in der auch die Bücher von Maurice Dobb, Roman Rosdolsky, Joan Robinson, Otto Morf und Paul Mattick erschienen, gehörten damals zum sozusagen obligatorischen linken Kanon. Altvaters Arbeit war, wie die meisten Bände der Reihe, der Theorie von Marx verpflichtet – allerdings nicht in der orthodoxen, parteikommunistisch-spätstalinistischen Dogmatisierung und Versteinerung. Altvater war Mitglied im SDS und prägte die Assistentenbewegung mit. Ab Mitte der 1970er Jahre gehörte er mit Oskar Negt, Andreas Buro, Klaus Vack, Wolf-Dieter Narr und Arno Klönne dem „Sozialistischen Büro“ (SB) an und war lange im Arbeitsausschuss dieser undogmatisch linken Organisation tätig. Im Unterschied zu vielen SB-Mitgliedern trat Elmar Altvater energisch für eine organisatorische Verdichtung der undogmatischen Linken ein, was auf die Gründung einer linken Partei hinauslief. Im SB blieb er mit dieser Perspektive in der Minderheit. In den 80er Jahren wechselte er zur Partei der Grünen, trat aber aus Protest gegen deren Zustimmung zum Krieg zunächst im Kosovo und später in Afghanistan 2001 wieder aus der Partei aus. Von 2007 an engagierte er sich in der Linkspartei, im wissenschaftlichen Beirat von ATTAC, im Institut solidarische Moderne sowie beim Weltsozialforum bis zu seinem durch Krankheit erzwungenen Rückzug ins Private. Trotz der politisch-organisatorischen Distanz zum SB blieb er den Publikationsorganen „links“ und „express“ verbunden.

Seine wissenschaftliche Karriere begann Elmar Altvater nach der Promotion als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Erlangen-Nürnberg. 1971 wechselte er als Professor für „Politische Ökonomie“ an das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin (OSI). 1971 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Zeitschrift „PROKLA . „Probleme des Klassenkampfs – Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik“, seit 1990 unter dem Titel „PROKLA: Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft“, die thematisch ausgesprochen breit aufgestellt ist und deren Redaktion Altvater bis 2007 angehörte – über 30 Jahre lang. Er verließ die Redaktion im Streit um die Ausrichtung der Zeitschrift und das OSI, wo die Beschäftigung mit Marx und marxistischen Theorien marginalisiert wurde. Sein Abschiedsartikel spielt an auf ein Buch Enzensbergers zum Spanischen Bürgerkrieg und trägt den Titel: „Der kurze Sommer des akademischen Marxismus“ (März 2007).

Schon 1987 beschäftigte sich Altvater wissenschaftlich mit den komplexen Zusammenhängen von Ökonomie, Ökologie und Dritter Welt – so in dem Buch „Sachzwang Weltmarkt. Verschuldungskrise, blockierte Industrialisierung, ökologische Gefährdung – der Fall Brasilien“. Zu einem sozialwissenschaftlichen Klassiker mit bisher zehn Auflagen wurde das 1996 zusammen mit seiner Ehefrau Birgit Mahnkopf verfasste Buch „Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft“, das im Verlag „Westfälisches Dampfboot“ erschienen ist. Mit dem Buch „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik“ (2005) wandte sich Altvater vehement gegen Vorstellungen von einem gleichsam automatischen Niedergang und Zusammenbruch des Kapitalismus. Er sprach vielmehr davon, der Kapitalismus könne nur von „einem äußeren Stoß von extremer Heftigkeit im Verein mit einer glaubwürdigen Alternative“ überwunden werden. Diese Alternative sah er u.a. in der Verabschiedung von fossilen Energieträgern und Ressourcenvernichtung in einer „solaren und solidarischen Gesellschaft“.

Elmar Altvater war nicht nur ein äußerst produktiver Wissenschaftler und Autor, sondern auch ein akademischer Lehrer von Format, dem seine zahlreichen Schüler 1998 zum 60. Geburtstag eine Festschrift unter dem Titel „Globalisierung und Perspektiven linker Politik“ widmeten. Sein Leitgedanke in einem Vortrag von 2014 gilt für sein gesamtes Werk: „Wir müssen nicht nur demonstrieren, wir müssen uns auch bilden im emphatischen Sinne.“ Am 1. Mai ist Elmar Altvater im Alter von 79 Jahren nach schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Er wird der undogmatischen Linken als Nestor und Weggefährte in Erinnerung bleiben.

Rudolf Walther