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Rezension: Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis

Rezension: Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis

Norbert Pütter, ein Freund und Weggefährte Wolf-Dieter Narrs, hat den Band „Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis“ und die Website (wolfdieternarr.de)  in einer kurzen Rezension für die Zeitschrift „Bürgerrechte und Polizei“ besprochen, die wir nachfolgend wiedergeben. Wir danken Norbert Pütter herzlich, dass er uns die Rezension überlassen hat. Das Bändchen mit den ausgewählten Schriften kann noch in der Geschäftsstelle erworben werden.

Wolf-Dieter Narr: Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis. Ausgewählte Schriften, Münster (Westfälisches Dampfboot) 2017, 218 S., 25,- €

Ausgewählt und „kommentiert von Wegbegleiter*innen“ aus dem Komitee für Grundrechte und Demokratie sind in diesem Band zwölf Aufsätze aus den Jahren 1980 bis 2016 versammelt. Entstanden aus Anlass seines 80. Geburtstags, will dieser „‚Bändchen‘ mit Schnuppertexten“ (Vorwort) neugierig machen auf die Arbeiten von Wolf-Dieter Narr als kritischem Intellektuellen, als Politik- und Sozialwissenschaftler und als politischer Aktivist, die sich durch ein „radikales Verständnis von Demokratie und Menschenrechten wie die Kritik gesellschaftlicher Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse“ auszeichnen.

Aus den in drei Abschnitten („Grundlagen“, „Zeitdiagnosen und politisch-menschenrechtliche Interventionen“ und „Perspektiven“) gruppierten Beiträgen sei exemplarisch je ein Aufsatz besonders erwähnt, weil darin der Bezug zur Inneren Sicherheit so deutlich zutage tritt. Der 2005 im „Argument“ erschienene Aufsatz „Staatsgewalt. Politisch-soziologi­sche Entbehrungen“ widerspricht jener „dicken Süßschicht allgemeiner Legitimation“, mit der staatliche Gewalt überzogen sei. Angesichts der Blindheit gegenüber seinen historischen Entstehungsbedingungen und seiner gegenwärtigen Bedeutung, besteht Narr darauf, den „moderne(n) Staat zuerst und vor allem als Produktionsverhältnis von Gewalt“ zu begreifen. Entgegen seines bis auf Hobbes zurückgehenden Begründungsmythos begrenze der Staat nicht Gewalt, sondern er sorge dafür, dass „Gewaltursachen erhalten und vermehrt werden.“

Die Auseinandersetzung mit Gewalt steht auch in anderen Beiträgen im Zentrum. In „Demonstranten, Politiker (Polizei) und Journalisten“ von 1983 – also noch vor dem Brokdorf-Beschluss des Verfassungsgerichts – werden die Produktionsverhältnisse von Gewalt auf der Ebene politischen Protests thematisiert. In zehn Thesen wird nicht nur eine Kritik am Versammlungsrecht formuliert (Demonstrationen würden als „autoritär gestaltete Aufmärsche missverstanden“), sondern die Gewaltfreiheit der Demonstrierenden wird als „von der Sache her gezwungen“, als „prinzipiell erforderliche Gewalthemmung“, die „um unserer selbst willen unabdingbar“ ist, bezeichnet. Allerdings – und darin unterscheidet sich der Beitrag von den üblichen Aufrufen zur Gewaltfreiheit – weist Narr auf den massiven Einsatz staatlicher Gewalt hin, die die Anliegen unter einer „Gewaltwolke“ verberge. Die auch zugleich mit „Erstarrungstendenzen repräsentativer Vermittlung von Interessen“ die Spannungen verstärkten, demonstrierend Gewalt zu vermeiden.

Zentral für die „Perspektiven“ ist der 1985 gemeinsam mit Klaus Vack und Roland Roth verfasste Aufsatz „Menschenrechte als politisches Konzept“. Auch hier spielt die Gewaltfreiheit eine wichtige Rolle; wer von ihr rede, dürfe aber weder das staatliche Gewaltmonopol noch die staatlich geschützten Gewaltverhältnisse ignorieren. Die menschenrechtliche Orientierung mache die Gewaltfreiheit jedoch „zum regulativ strikten Prinzip“. Entgegen dem wohlgefälligen Bekenntnis zu „den Menschenrechten“ besteht Narr darauf, dass „alle Herrschaft“ „ein dauernder, nie hinnehmbarer Stein des Anstoßes“ bleibt. Deshalb begreift er „Menschenrechte als Methode“: Aus ihrer Verbindlichkeit resultiere ein bestimmtes Verhältnis zur Welt und zu sich selbst: Sie verlangten, „dass Einzelnes und Allgemeines, dass Ereignis und Struktur, dass Person und Gesellschaft insgesamt kontinuierlich zu betrachten sind.“ Deshalb bedeute „Menschenrechte als politisches Konzept“ jederzeit den Zusammenhang von Form und Inhalt, von eigenen Zielen und eigenem Handeln im Auge zu behalten. Denn Menschenrechte erschöpften sich nicht im Kampf um ein fernes Ziel, sondern um die Art und Weise, wie wir „hier und heute“ leben (wollen).

Aus dem Netz

https://wolfdieternarr.de

Wer durch die „ausgewählten Schriften“ neugierig geworden ist, der oder die wird auf dieser Seite fündig werden. Die „Gesammelten Schriften“ listen über 500 Veröffentlichungen von Mitte der 1960er bis Mitte dieses Jahrzehnts auf; sofern sie im Volltext vorliegen, sind diese verlinkt – und je nach Berechtigung des/der NutzerIn – komplett zugänglich. Der Zugang zu den Texten kann auf fünf Wegen erfolgen: nach Erscheinungsjahr, nach Art der Veröffentlichung, nach Co-AutorInnen, nach den Verlagen und nach den Periodika („Publikation“), in denen sie veröffentlicht wurden. Auch wenn die Suche über Schlagworte fehlt, so lässt sich die Seite zielgerichtet nutzen: Wer nach W.-D. Narrs Auseinandersetzung mit der Inneren Sicherheit sucht, wird über „Bürgerrechte & Polizei/Cilip“ in die Suche einsteigen und 43 Aufsätze finden (seit 1990); wer sich für den kritischen Sozialwissenschaftler interessiert, wählt den Zugang über „Leviathan“ (38 Aufsätze von 1993-2011); und wer den sich politisch einmischenden Intellektuellen sucht, gelangt mit dem Klick auf das „Komitee für Grundrechte und Demokratie“ auf 33 Veröffentlichungen aus den Jahren 1984 bis 2014 – das sind nur drei Zugänge über Initiativen, die ohne Wolf-Dieter Narr in dieser Form nie entstanden wären.

Wer sich in die Seite ein wenig vertieft, stellt schnell fest, dass es ihr am wenigsten um Personenkult zu tun ist. Selbstredend ist das gesamte Werk nicht ohne die spezifischen Fähigkeiten (etwa die Vertrautheit mit dem klassischen Altertum) und die individuellen Besonderheiten (etwa die Sprache) verstehbar. Aber zugleich ist es auch ein Spiegel bundesdeutscher Geschichte. Und zwar gehalten von einem, der sich nicht der westdeutschen „Erfolgsgeschichte“ anpasst, sondern dessen Abstand zu dem, dessen Zeuge er wird, zunehmend größer wird: In der zweiten Hälfte der 60er Jahre mit vergleichsweise akademischer Perspektive beginnend, werden die Publikationen in den Auseinandersetzungen der 1970er Jahre politischer: Berufsverbote, Lauschangriffe, die Formierung der Universitäten, später dann: Demonstrationen und Demonstrationsrecht, Asylrecht, Haftsystem, Psychiatrie, polizeiliche Gewalt – und immer wieder Menschenrechte. Eine Kritik, die radikaler wird, weil sie sich treu bleibt. (Norbert Pütter)

Aus: Cilip 115 | April 2018, S. 106 ff.