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Wenn ein anarchistischer Pazifist in den Ruhestand geht …

Martin, Du hast mehr als ein viertel Jahrhundert in der Geschäftsstelle des Grundrechtekomitees gearbeitet. Was ist Deine vielleicht eindrücklichste Erinnerung aus dieser langen Zeit Deines beruflichen und persönlichen Engagements?

Die eindrücklichsten Erfahrungen waren die Aktionen, die wir selbst veranstaltet haben, z.B. die symbolische Entzäunung des Abschiebeknastes in Worms, die mir eine Wohnungsdurchsuchung und eine Geldstrafe eingebracht hatte. Weitere Aktionen hatten wir an Flughäfen gegen Abschiebungen vorgenommen. An vielen Aktionen der Friedensbewegung waren wir beteiligt. Klaus und Hanne Vack hatten ja schon 1983 die „Prominentenblockade“ in Mutlangen organisiert. Wir hatten mit Bonner Freund*innen 1983 anlässlich der atomaren „Nachrüstung“ im Hunsrück die Blockade der Hardthöhe mit 3.000 Personen, u.a. mit Heinrich Böll, und die Bundestagsbelagerung während des Stationierungsbeschlusses am 21./22. November, die mit Wasserwerfern bekämpft wurde, initiiert. Jetzt sind wir jedes Jahr in Büchel mit Blockadeaktionen vor dem Atombombenstandort. Ziviler Ungehorsam und der Mut dazu werden wichtig bleiben. Den jährlichen Propaganda-Tag der Bundeswehr begleiten wir mit kreativen Aktionen und der Kampagne gegen die Einbeziehung von Minderjährigen in die Bundeswehr.

Du hast mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zusammengearbeitet, bist vielen engagierten Menschen begegnet. Welche Begegnung würdest Du für Deine eigene politische Sozialisation als besonders bedeutsam charakterisieren?

Politisch sozialisiert war ich ja schon, bevor ich 1993 zum Komitee gekommen bin, über die sog. Dritte-Welt- und Friedensbewegung. Ich war im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre und in den Dritte-Welt-AKs der Studentengemeinden Tübingen und Bonn. Die Begegnungen mit Menschen aus der Friedensbewegung und natürlich aus dem Komitee selbst wie mit u.a. Wolf-Dieter Narr, Andreas Buro, Roland Roth, Klaus und Hanne Vack, Peter Grottian waren für mich bedeutsam. Im Komitee hatten wir sehr viele Diskussionen, die mich bereichert haben. Es ist ja etwas anderes, wenn man direkt in einer Debatte steckt oder nur etwas liest. Die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Kleist) ist ein Beispiel dafür, dass die direkte Aussprache nötig ist, um gedanklich weiterzukommen.

Was denkst Du, was hat die außerparlamentarische, radikal an Menschenrechten und Demokratie orientierte Arbeit des Grundrechtekomitees in bald vierzig Jahren erreicht?

Wir haben wohl vor allem an der öffentlichen politischen Meinungsbildung mitgewirkt und diese beeinflusst. Wir sind widerständig gegen Unrecht und Gewalt und sollten da aktiv bleiben. Ich war bei fast allen Castor-Transporten und Blockupy-Demos dabei und habe viel Polizeigewalt gesehen und erfahren. Da ist das Komitee ein wichtiges Bollwerk, um gegen Einschränkungen der persönlichen Freiheitsrechte Widerstand zu leisten, wie jetzt gegen die neuen Polizeigesetze. Kleine Erfolge erfreuen mich. Wir haben nun nach sieben Jahren Kampagne erreicht, dass sich die Justizministerkonferenz der Länder für die Einbeziehung der Gefangenen in die Rentenversicherung ausgesprochen hat. Die Strafvollzugshilfe für Gefangene ist ein ganz wichtiger Bereich der Komiteearbeit.

Was bleibt für Dich persönlich nach einem so langen politischen Leben im Grundrechtekomitee?

Ich bin dankbar, beim Komitee mit engagierten Mitgliedern im Vorstand und Kolleg*innen in der Geschäftsstelle gearbeitet zu haben. Man muss halt weiterkämpfen für eine Welt ohne Ausbeutung, ohne Rassismus, ohne Gewalt. Ich bin selbst aktuell u.a. persönlich engagiert beim Netzwerk Friedenskooperative, bei pax-christi Bonn und bei SOS Méditerranée, die im Mittelmeer mit der Aquarius Menschen aus dem Meer retten. Es ist ein Skandal, dass sie jetzt kriminalisiert werden. Mein persönliches Engagement wird weiterhin vor allem in der Friedensbewegung liegen, u.a. auch in der weiteren Mitarbeit in der Redaktion des Friedens- Forums (das am besten alle Leser*innen dieses Beitrags abonnieren sollten!)

Was denkst Du, welche politische Bedeutung kommt einer so kleinen Institution wie dem Grundrechtekomitee in diesen Zeiten des gewaltförmigen und politisch nationalistischen Umbruchs zu?

Das Komitee spielt in der jetzigen politischen Lage eine wichtige Rolle. Wir müssen analytisch und aktions-praktisch an den grund- und menschenrechtlichen Problemen der Zeit aktiv und wachsam weiterarbeiten. Ich freue mich, dass wir zwei tolle engagierte neue Mitarbeiterinnen gefunden haben, Michèle Winkler und Britta Rabe. Das macht viel Hoffnung, dass es mit dem Komitee gut weitergehen wird. Ich danke allen Mitgliedern und Förderermitgliedern! Ihr habt mir einen politischen Arbeitsplatz ermöglicht, den ich – so gut ich konnte – genutzt habe, um Menschenrechtspolitik und Friedensarbeit konkret umzusetzen.

Martin wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch und die Zeit, die wir mit Dir verbringen und in der wir voneinander lernen durften.