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Buchbesprechung: Trotzdem: Menschenrechte!

Anlässlich des 30. Gründungsjahres des Komitees für Grundrechte und Demokratie hat Wolf-Dieter Narr, Mitgründer des Komitees, unter dem Titel „Trotzdem: Menschenrechte!“ zusammen mit Dirk Vogelskamp ein Buch herausgegeben, in dem er über Menschenrechte, deren Genese, Legitimierungen, Inhalte und Verhältnis zu Staat und Wirtschaft reflektiert. In acht Kapiteln, gegliedert in kurze Abschnitte und mit zahlreichen Einschüben, um bestimmten Gedanken nachzugehen, werfen die Autoren einen neuen Blick auf die Frage nach der Universalität der Menschenrechte.
Rezension von Christine Schweitzer

Narr und Vogelskamp nähern sich dem Thema dabei nicht von der gängigen völkerrechtlichen Seite und schreiben auch keine Geschichte des Konzeptes der Menschenrechte – am besten lässt sich ihr Ansatz vielleicht als Philosophieren über Menschenrechte beschreiben. Menschenrechte sind für sie eine begriffliche Form, in die bestimmte menschliche Bedürfnisse gefasst wurden. Damit sind sie stets in ihrem historischen und kulturellen Kontext zu sehen und zu verstehen, und sind gleichzeitig auch etwas, um das immer gestritten und gekämpft werden muss: „Darum werden sie nur gewonnen, werden in Grenzen erreicht oder verloren, wenn wir und andere sie zu fassen und sie zu verwirklichen suchen“ (S. 16), heißt es in der Einleitung.
 
Eine besondere Rolle spielt in dem Buch die nationalsozialistische Zeit, wie auch der Untertitel „Versuch, uns und anderen nach nationalsozialistischer Herrschaft Menschenrechte zu erklären“, schon andeutet. Dabei lässt er immer wieder in Originalquellen Opfer – KZ-Häftlinge, Frauen, die in einem Arbeitslager für Daimler-Benz arbeiten mussten und andere mehr – zu Wort kommen und Zeugnis über ihr Leiden ablegen. Dabei geht es den Autoren immer wieder darum, zu dokumentieren, wie Menschen selbst unter widrigsten Umständen Widerstand leisteten und ihre Würde bewahrten. Die Themen Widerstand, Kritik an Missständen und die Notwendigkeit radikaldemokratischer Reformen ziehen sich durch das gesamte Buch. "Die Praxis der Menschenrechte ist nur radikaldemokratisch möglich. Sonst verdichtete sie den Herrschaftsnebel“ (S.185) heißt es an einer Stelle.
 
LeserInnen seien gewarnt: Das Buch ist nicht einfach zu rezipieren, weder von der etwas eigenwilligen Sprache noch von dem Anspruch an eine solide Allgemeinbildung her. Die größte Herausforderung ist aber wohl, bereit zu sein, sich auf den Text einzulassen und geduldig den vielen – oftmals recht assoziativen – Sprüngen in der Argumentation zu folgen. „Trotzdem: Menschenrechte!“ ist kein akademisches Werk in dem Sinne, dass es eine Einleitung enthielte, einen Teil, wo die Fakten dargelegt und analysiert und anschließend in einem bequemen Schlusskapitel die wesentlichen Thesen nochmals zusammengefasst würden. Wer so etwas sucht, wird wahrscheinlich schnell und frustriert aufgeben. Wer aber an das Thema der Menschenrechte einmal anders herangehen und sich über ihre Relativität, die aber nicht Beliebigkeit heißt, sondern aus den Bedürfnissen des Menschen in widrigen Umständen entstehen, Gedanken machen möchte, dem oder der sei dieses Buch empfohlen.
 
Narr, Wolf-Dieter mit Vogelskamp, Dirk (2012) Trotzdem: Menschenrechte. Versuch, uns und anderen nach nationalsozialistischer Herrschaft Menschenrechte zu erklären. Köln: Komitee für Grundrechte und Demokratie, ISBN 978-3-88906-137-9, 291 S., 18 €
Das Buch kann bestellt werden bei: info@grundrechtekomitee.de (portofreie Lieferung).
Christine Schweitzer ist Redakteurin des Friedensforums.