Am 29. November 2025 fand in Gießen eine der größten antifaschistischen Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik statt, als sich über 50.000 Menschen gegen die geplante Neugründung der AfD-Jugendorganisation ("Generation Deutschland") stellten. Gleichzeitig blockierten bis zu 15.000 Menschen Zufahrtswege zu diesem AfD-Kongress. Das Aktionsbündnis "Widersetzen", bestehend aus antifaschistischen und antirassistischen Gruppen sowie Gewerkschaften, hatte neben dem DGB und lokalen Bündnissen zu den Protesten aufgerufen. Die Mobilisierung ließ erwarten, dass es eine starke Beteiligung geben würde.
Die Sicherheitsbehörden reagierten darauf mit dem Versuch, der Versammlungsrechtsanmeldungen möglichst viele Steine in den Weg zu legen, und somit die Proteste unsichtbar zu machen und weitgehend einzuhegen: Bereits im Juli hatte der DGB seine Großkundgebung in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsort, der Hessenhalle, angemeldet. In ersten Gesprächen hatte die Versammlungsbehörde signalisiert, die Kundgebung zu ermöglichen. Weitere Anmeldungen von der Partei DIE LINKE, von Attac und einer anarchistischen Gruppe folgten in den darauffolgenden Wochen, ebenfalls im Gebiet rund um die Halle und westlich der Lahn. Nachdem es über Wochen kaum Kommunikation von Seiten der Versammlungsbehörde zu den Anmeldenden gab, fanden zwischen dem 19. und 21. November weitere Kooperationsgespräche statt.
Die Stadt teilte mit, aufgrund neuer polizeilicher Gefahrenprognosen müssten alle Kundgebungen auf die andere Flussseite verlegt werden. Die Lahn wurde damit als natürliche Barriere genutzt, um die direkte Umgebung der Halle vom Protest abzuschirmen, die Demonstrierenden wären dort weder in Hör- noch in Sichtweite der AfD-Veranstaltung gewesen. Hauptargument der Versammlungsbehörden war, der vorgesehene Ort weise zu viele Engstellen auf. Alle Anmelder*innen reichten Eilanträge gegen die örtliche Verlegung beim Verwaltungsgericht ein und bekamen Recht. Nur der DGB verlor. Das Verwaltungsgericht konnte keine Gefahr durch Engstellen erkennen bzw. keine Alternativflächen westlich der Lahn finden. Die vermeintlichen Engstellen können als Scheinargument der Sicherheitsbehörden verstanden werden, um den Protest vom Zentrum des Geschehens fern zu halten und somit unsichtbar zu machen.
Nur wenige Stunden, bevor sich die ersten Busse in Richtung Gießen in Bewegung setzten, zogen sowohl die Stadt als auch der DGB mit Beschwerden vor den Verwaltungsgerichtshof. Hier trug die Stadt neben der Sorge vor zu vielen Menschen nun plötzlich das altbekannte Argument von angeblich anreisenden Gewalttäter*innen vor, das eine Verlegung der Kundgebungen möglichst weit weg von der Halle rechtfertigen sollte.
Am Abend des 28. November bestätigte der Verwaltungsgerichtshof leider in einer versammlungsfeindlichen Entscheidung final alle örtlichen Verlegungen nach östlich der Lahn. Einzig die Anmeldung der anarchistischen Gruppe wurde seitens der Stadt beim Beschwerdevortrag vergessen und blieb somit juristisch bestehen. Dies ist mehr als ein Verwaltungsakt. Die kurzfristigen Entscheidungen, die Flut widersprüchlicher Informationen und die permanente Planungsunsicherheit wirkten im Vorfeld schon wie ein kalkulierter Demobilisierungsversuch.
Das restriktive Verhalten der Behörden fand sich dann auch am Tag selbst wieder. Ein massives Polizeiaufgebot sorgte dafür, den Zugang zu allen Versammlungen in unmittelbarer Nähe zur Veranstaltungshalle zu verhindern, ob verboten oder erlaubt. Gegen Demonstrierende, die den Weg der Jung-AFDler zur Gründungsveranstaltung blockierten, wurde mit Gewalt vorgegangen. Der Weg zur Hessenhalle wurde freigeprügelt und die anreisenden AfDler teilweise sogar eskortiert. Die Botschaft war unmissverständlich: Der reibungslose Ablauf rechter Parteiarbeit genießt Priorität, während antifaschistischer Protest als Störfaktor behandelt wird.
Der Versuch, Protest administrativ zu neutralisieren, ist politisch brisant. Wenn antifaschistische Mobilisierung systematisch räumlich isoliert und kriminalisiert wird, verschieben sich die Koordinaten des Sag- und Machbaren. Umso wichtiger ist es, die Verteidigung demokratischer Grundrechte nicht den Gerichten zu überlassen, sondern sie praktisch auszuüben. Am 4. Juli will die AfD ihren Bundesparteitag in Erfurt abhalten. "Widersetzen" hat erneut Proteste und Blockaden angekündigt. Gießen hat gezeigt, dass Zehntausende sich nicht einschüchtern lassen. Demobilisierung mag versucht werden – verhindern lässt sich Widerstand gegen rechts nicht.