03. Mär 2020© dpa

INFORMATIONEN 1-2020 | Feb. 2020

Wir haben noch die feierlich vorgetragenen Worte "Nie wieder" zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Ohr, doch anlässlich der aktuellen Szenen der Gewalt des europäischen Grenzregimes an den Grenzen zur Türkei oder der leeren Worte der Politiker*innen - wiederholt nach den rassistischen Morden von Hanau - müssen wir heute erneut fragen: Auschwitz-Gedenken - nur ein folgenloses Ritual?

Britta Rabe, Dirk Vogelskamp und Michèle Winkler

 

Editorial: Auschwitz-Gedenken – nur ein folgenloses Ritual?

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des deutsch betriebenen und bereits teilaufgelösten Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch Truppen der Roten Armee am 27. Januar 1945 wird mit weltweit medialer Aufmerksamkeit der Millionen Opfer deutscher Vernichtungspolitik gedacht: der Juden und Jüdinnen, der Roma und Sinti, der Menschen mit Behinderung, der politisch Andersdenkenden und aller weiteren, die in dem nationalsozialistischen Lageruniversum ermordet wurden. Als erster bundesdeutscher Repräsentant hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf der zentralen Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte Yad Vashem im Kreis der Überlebenden, der Nachfahren der Opfer und Befreier eine beachtenswerte Rede: Er externalisierte Schuld und Verantwortung der Deutschen an der Ermordung der europäischen Juden sprachlich nicht, indem er sie hinter abstrakten Systembegriffen und gewohnten Narrativen (NS-Zeit, NS-Regime, NS-Diktatur) verbarg, sondern er benannte die Täterschaft: „Deutsche haben sie verschleppt. Deutsche haben ihnen Nummern auf die Unterarm tätowiert. Deutsche haben versucht, diese Menschen zu entmenschlichen, zu Nummern zu machen, im Vernichtungslager jede Erinnerung an sie auszulöschen. … Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche. Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen. Der grausame Krieg, der weit mehr als 50 Millionen Menschenleben kosten sollte, er ging von meinem Lande aus.“ Ganz gewöhnliche Deutsche, müsste wohl hinzugefügt werden.

(...)
Die Menschenrechte, erst nach der Vernichtung der europäischen Juden, nach dem Zivilisationsbruch im Jahr 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verabschiedet, setzen sich – trotz Aufnahme in die Verfassungen vieler Staaten – nicht von selbst um. Demokratie, Menschenrechte und Antimilitarismus bleiben stets umkämpft, sie müssen immer wieder neu politisch und alltäglich gelebt und vorgelebt werden. Ein schwacher Trost immerhin, dass zumindest einige in diesem Land der Täter dazu bereit sind: auf den Straßen und Plätzen gegen den völkischen sowie gegen jeglichen Nationalismus; auf dem Mittelmeer gegen die vorhersehbar todbringende Indifferenz Europas. Das feierlich vorgetragene „Nie wieder“ aus den Parteien der selbst ernannten bürgerlichen Mitte jedoch, hielt gerade einmal eine Woche.

 

Aus dem Inhalt:

Editorial: Auschwitz-Gedenken – nur ein folgenloses Ritual?

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