05. Aug 2020© dpa
Soziale Menschenrechte / Polizei / (Anti-)Rassismus / Rechtsstaatlichkeit / Corona

Stigmatisierung und Ausbeutung: Antiziganismus in den Zeiten von Corona

Die aufgrund der Corona-Pandemie seit Mitte März eingeführten Einschränkungen haben die Lebensbedingungen gerade auch benachteiligter Sinti und Roma erheblich getroffen. Zahlreiche aus Südosteuropa zugewanderte Roma lebten schon zuvor unter miserablen Bedingungen. Viele haben mit chronischen Krankheiten zu kämpfen, weil sie im Laufe ihres Lebens aufgrund von Armut und Diskriminierung keinen oder nur eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem hatten. Häufig wohnen zugewanderte Roma-Familien in kleinen Wohnungen. Obdachlose, Asylsuchende und/oder sehr arme Familien sind in Gemeinschafts- oder Flüchtlingsunterkünften untergebracht, in denen mehrere Personen auf engem Raum zusammenleben müssen. Die Einhaltung von Abstandsregeln ist hier nicht möglich. Der ständige enge Kontakt auf engem Raum wirkt sich zudem oft negativ auf das psychische Wohlbefinden aus.

In der Corona-Krise haben viele zugewanderte Roma ihre Beschäftigung verloren. Die Krise machte aber auch die schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter*innen in der Landwirtschaft und der Arbeiter*innen in der Fleischindustrie sichtbarer. Im Mai traten über 100 rumänische Saisonarbeiter*innen des Spargelunternehmens ernehmens Ritter wegen fehlender Lohnzahlungen, schlechter Arbeitsund Wohnbedingungen und fehlender Corona-Schutzkleidung in den Streik. Der Skandal des Fleischunternehmens Tönnies im Juni mit über 1.000 coronainfizierten Arbeitnehmer*innen offenbarte die desaströsen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Tönnies ist kein Einzelfall, sondern steht beispielhaft für die Ausbeutung von Zuwander* innen in der Fleischindustrie, darunter zahlreiche Roma aus Rumänien und Bulgarien.

Wer ist hier „verantwortungslos“?

In der Corona-Pandemie zeigte sich erneut, dass antiziganistische Diskurse und Praktiken ein endemisches Problem sowohl in der Verwaltung als auch in den Medien sind. So informierte die Stadt Göttingen offiziell über einen Ausbruch von COVID19 – angeblich verursacht durch „größere private Feierlichkeiten“ von „Großfamilien“, ein Begriff, der in der Öffentlichkeit mit arabischenoder Roma-Familien assoziiert wird. Der Göttinger Bürgermeister ließ sich in der Presse über die Verantwortungslosigkeit von „Familienverbänden“ aus. Entgegen den tatsächlichen Infektionsursachen und ohne jeglichen Nutzen für die öffentliche Gesundheit stigmatisierten hier Verwaltung und Medien eine Minderheit. Die Bewohner* innen eines unter Quarantäne gestellten Hauses forderten von der Göttinger Stadtverwaltung eine bessere Versorgung und eine Verlegung von infizierten Bewohner*innen. Stattdessen rückte die Polizei an, um dem Protest der Hausbewohner*innen und einer Solidaritäts-Demonstration entgegenzutreten.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Berlin: Nach einem Ausbruch von Corona- Fällen im Bezirk Neukölln behauptete der Bezirksstadtrat für Gesundheit in einer Tageszeitung, der Schwerpunkt der Betroffenen liege „auf der Roma-Community". Zwar hatte der Bezirksbürgermeister versichert, keine Standorte kommunizieren zu wollen, dennoch wurden Straßennamen genannt und in der Presse tauchten Fotos eines Hauses auf, in dem bekanntermaßen viele Roma-Familien wohnen. Das ist nicht nur eine Stigmatisierung. Die Nennung von Adressen und die Veröffentlichung von Fotos gefährdet die Sicherheit der Bewohner*innen dieses Hauses z.B. vor Anfeindungen und Angriffen von Rechtsextremen.

 

Guillermo Ruiz ist seit Ende 2019 Mitglied im Vorstand des Grundrechtekomitees. Er gründete mit anderen zusammen den Verein Sozialfabrik e.V., der zur Bekämpfung von Antiziganismus forscht und politische Bildungsarbeit zum Empowerment von Geflüchteten und Migrant*innen macht.

Autor: Guillermo Ruiz